Prozess gegen zwei Firmenchefs nach Unfall auf dem Bau endete mit Einstellung

Solange nichts passiert

Bad Hersfeld. Solange nichts passiert, kräht auf kleineren Baustellen kein Hahn nach eigentlich zwingend erforderlich Dokumentation des Gerüstaufbaus und der Prüfbescheinigung, dass das Gerüst auch zu Beginn der Arbeiten in Ordnung war. Solange nichts passiert.

Doch am 16. Mai 2012, kurz nach der Mittagspause, ist dann etwas passiert bei der Dachsanierung eines Einfamilienhauses in der Gustav-Freytag-Straße in Bad Hersfeld. Der Vorarbeiter, ein 42 Jahre alter Dachdeckermeister aus Rotenburg, hatte nur noch ein paar Nägel holen wollen, als er auf dem Weg zurück aufs Dach fehltrat und mangels Seitenabsicherung vom Gerüst in die Tiefe der Kellertreppe stürzte.

Zwar blieb ihm die zunächst befürchtete Querschnittslähmung erspart, doch der an Kopf, Wirbelsäule, Rippen und linkem Bein schwerst verletzte Mann ist noch heute krank geschrieben und wird in seinem Beruf wohl nie wieder arbeiten können.

Warum der erfahrene Handwerker von dem auf den ersten Blick unproblematischen Laufweg abkam, ließ sich auch gestern im Prozess vor Strafrichter Michael Krusche am Bad Hersfelder Amtsgericht nicht mehr nachvollziehen: das Opfer hat an den Unfall keine Erinnerung mehr. Auf der Anklagebank saßen die Chefs der beiden beteiligten Unternehmen, einer Gerüstbaufirma und des Dachdeckerbetriebs. Fahrlässige Körperverletzung warf ihnen Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken vor, weil das Gerüst nicht ordnungsgemäß aufgebaut war und die von der Gewerbeaufsicht geforderten Bescheinigungen fehlten.

„Die Gerüstbauer sind ein Sorgenkind“, klagte denn auch der Gutachter vom Regierungspräsidium in Kassel, der nicht nur über den Paragrafendschungel von Sicherheits- und Arbeitsschutzbestimmungen dozierte, sondern im konkreten Fall neben dem fehlenden Seitenschutz auch einen viel zu großen Abstand vom Gerüst zur Hauswand monierte. Auf der anderen Seite die Angeklagten, beide Vertreter renommierter Bad Hersfelder Firmen und langjährige Partner. Sie beschrieben die Alltagswirklichkeit auf dem Bau, wo lästiger Papierkram verzichtbar erscheint und wo man der Erfahrung von Meistern und Vorarbeitern vertraut.

Denn auch der Rotenburger war mit dem Gerüstbau vertraut und hätte Nachbesserung verlangt, wenn Fehler oder Schwachstellen aufgefallen wären. Da das Gerüst auf dieser Baustelle lediglich den Zugang zum Dach erleichtern sollte, waren die Ansprüche ohnehin nicht so hoch.

Am Ende wurde das Verfahren im allgemeinen Einverständnis eingestellt. Geldauflagen von 2000 Euro für den Gerüstbauer und 2500 Euro für den Dachdecker werden an das Opfer gezahlt.

Von Karl Schönholtz

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