„Freiheit verpflichtet“: Einzigartiger Bildband des Ex-Grenzschützers Jürgen Urnau

Sofort das Fernglas hoch

Hinter Obersuhl war bis 1989 das freie Deutschland zu Ende: Diese Postkarte von 1974 dokumentiert auch den Irrsinn des Grenzverlaufs. Später wurde die Grenzlinie an dieser Stelle geändert. Foto: aus dem besprochenen Buch

Bad Hersfeld. Von Stacheldraht, Grenzpfosten und Wachtürmen, die einst das geteilte Deutschland markierten, ist heute fast nichts mehr zu sehen. Und dort, wo früher die Bad Hersfelder Grenzschutzabteilung ihre Unterkünfte, Diensträume und Fahrzeughallen hatte, steht längst ein riesiges Logistikzentrum von Amazon.

Dass Sperranlagen und Standort nicht ganz in Vergessenheit geraten, ist das Verdienst von Jürgen Urnau (48). Den ehemaligen Grenzschützer, der mittlerweile bei der Autobahnpolizei in Bad Hersfeld beschäftigt ist, hat die unmenschliche Grenze mitten durch Deutschland auch mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung nicht losgelassen.

Gegen den Irrglauben

Als die Grenzschutzabteilung Mitte 2 Bad Hersfeld zum 1. Januar 1998 aufgelöst wurde und im Sommer 2004 die gesamte Kasernenanlage den Abrissbaggern zum Opfer fiel, keimte in Urnau die Idee, dieses Kapitel regionaler Grenzgeschichte zu dokumentieren.

„Viele Jüngere wissen heute gar nicht mehr, wer die Sperranlagen eigentlich errichtet hat,“ sagt Urnau im Gespräch mit unserer Zeitung, „manche sind sogar der Meinung, wir seien es gewesen.“

Gegen den Irrglauben und gegen verblassende Erinnerungen hat Urnau nun einen opulenten Text-/Bildband mit dem Titel „Freiheit verpflichtet“ verfasst, der sich vor allem als Sachbuch über deutsch-deutsche Geschichte und das System von Grenzschutz hier und Bewachung dort versteht.

Persönliches bleibt dennoch nicht außen vor. Nachhaltig beeindruckt haben Urnau die Distanz und die Sprachlosigkeit, die an der Grenze herrschten. Einmal seien in wenigen Metern Entfernung zwei Mann der DDR-Grenztruppen aus dem Gebüsch gekommen und hätten trotz der Nähe und ohne ein Wort sofort die Ferngläser an die Augen genommen. Nur ganz gelegentlich, so erinnert sich Urnau, habe es versteckte Gesten gegeben, etwa ein Prost mit der Kaffeetasse oder einen Wink mit dem Maßband.

Historische Schätze

In den Textbeiträgen schildert Urnau daneben auch Chronologisches, Fluchtversuche und sonstige Zwischenfälle sowie beispielsweise die Regelungen des Kleinen Grenzverkehrs.

Was sein Buch jedoch so einzigartig macht, ist die Vielzahl der Fotos. Eigene Aufnahmen sind dabei, private Fundstücke sowie historische Schätze aus den Archiven des Standortes sowie der Zeitungen HZ und HNA.

Hilfreich zur Seite standen Urnau unter anderem der Kollege Hans-Karl Gliem und der Hersfelder Christian Bauer, der das Buch gestaltet hat. Die Bürgerstiftung des Landkreises hat das Projekt finanziell unterstützt.

Jürgen Urnau, „Freiheit verpflichtet“, 278 Seiten mit zahlreichen Fotos, ISBN 978-3-00-036907-0, 22 Euro. Erhältlich ist das Buch in den Filialen der Hoehlschen Buchhandlung, bei HaarAktiv Anita Sadler, Am Klausturm 3, Bad Hersfeld sowie über den Autor: juergen-urnau@t-online.de

Von Karl Schönholtz

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