Gernot Hassknecht schult sein Hersfelder Publikum: In zwölf Schritten zum Choleriker

Sodbrand als Wutgrundlage

Bad Hersfeld. Selbst verfasste Beschwerdebriefe liebt Gernot Hassknecht. Auch seinen Auftritt in Bad Hersfeld hat der Komiker dazu genutzt, verbale Breitseiten auf die Kreisstadt in sein Diktiergerät zu sprechen, um sie später zu Papier bringen zu können.

So nörgelte er an der Saalgestaltung, die sicherlich vom Innenarchitekten Saddam Husseins geplant worden sei. Und die Beleuchtung aus dem Jahre 1987, die ihn nicht richtig in Szene setze, habe die Stadt wohl auf dem Flohmarkt erworben.

Hässliche Frisuren

Das alles wäre aus Sicht des selbsternannten Profi-Cholerikers noch zu ertragen, wenn nicht dieses Publikum im Saal sitzen würde. „Die lassen hier wohl jeden rein, der für eine Karte bezahlt. Ich habe im Publikum Frisuren gesehen, von denen ich dachte, sie wären mit der DDR untergegangen“, pöbelte er. Die Gäste im Saal seien so attraktiv, dass selbst Rainer Brüderle nach dem Genuss von fünf Flaschen Wein hier niemanden anbaggern würde.

Nach seinem örtlichen Rundumschlag versuchte der Fachmann des Wutausbruchs die Hersfelder zu ordentlichen Cholerikern auszubilden. Er selbst habe schon eine sehr hohe Stufe erreicht: „Manchmal ist die Vorfreude aufs Aufregen schöner, als das Aufregen selbst.“ Zunächst einmal müssten alle angehenden Choleriker die Wut-Chakra-Übungen und das auto-aggressive-Training richtig anwenden können. Mit Atemübungen müsse zunächst die durch viel fettes Essen und Fleisch in Wallung gebrachte Magensäure nach oben transportiert werden: „Sodbrennen ist gut für Verhandlungspositionen. 80 Prozent ihrer Nahrung sollte früher mal eine Gesicht gehabt haben. Gott will nicht, dass wir Brokkoli dünsten“, erklärte Hassknecht.

Eine richtig gute Spielwiese für angehende Choleriker sei der Straßenverkehr. Das Fliegen dagegen sei totale Fremdbestimmung. „Stewardessen bleiben immer ruhig. Die sind auf Terroristen geschult. Und aus dem Flieger kommt man einfach nicht raus. Das Flugzeug ist die DDR unter den Verkehrsmitteln“, warnte Hassknecht seine Schüler.

Nach weiteren Lektionen, auch mit Ausflügen in die Bundespolitik, bei denen sich Hassknecht unzählige Politiker zur Brust genommen hatte, wollte der Profi-Choleriker von einem Gast wissen, ob er sich über die NSA-Abhöraffäre aufgeregt habe. Als dieser mit dem Kopf schüttelte, platzte Hassknecht der Kragen: „Damit in Deutschland mal protestiert wird, muss man am Ballermann die Sangria-Eimer verbieten.“

Typisch deutsche Mentalität

Aber das sei wohl die typisch deutsche Mentalität. Heute würden alle nur noch wie ferngesteuert auf den dämlichen Touchscreens ihrer Smartphones rumfingern. Früher hätten er und seine Kumpels sich noch für Mädchen interessiert. Die Kerle heute würden doch nur noch reagieren, wenn man ihnen aufs Handy simse, dass sie unter der Bluse von Sabine zwei tolle Apps finden würden.

Der Weg zur allgemeinen Verblödung führe natürlich auch über das Fernsehen. Besonders an Nachmittagen sei es kaum mehr zu ertragen. „Früher gab es wenigstens Flipper. Heute spielen Assis Assis für Assis. Da hatte der Delfin mehr Hirn als all diese selbsternannten Schauspieler zusammen“, schimpfte Hassknecht. Doch so richtig auf die Palme bringt einen Choleriker nur eine Frau: „Heiraten Sie“, ermahnte der Mann auf der Bühne alle Männer im Saal. „Von Frauen lernen, heißt Bluthochdruck lernen!“

Von Mario Reymond

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