Festspiel-Intendant Holk Freytag zieht die künstlerische Bilanz seiner ersten Saison

Skala ist nach oben offen

Bad Hersfeld. Sechs Premieren sind bei den Bad Hersfelder Festspielen 2010 über die Bühnen der Stiftsruine, des Eichhofs und der Schilde-Halle gegangen. Die Kritiker haben mehr gelobt als getadelt, doch zufrieden ist der neue Intendant Holk Freytag nicht und will es auch gar nicht sein. „Sonst muss man ja aufhören,“ sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung und gesteht sich konsequenterweise nur „Annäherungen“ an die selbst gesteckten Ziele zu. Die Skala sei nach oben offen.

„Subventionen gibt es nicht für Lachgas“

Intendant Holk Freytag

Bei der schauspielerischen Qualität sei er diesem Punkt am nächsten gekommen, stellt Freytag fest. Für jede Produktion ein homogenes Ensemble zu finden, das sei weitestgehend gelungen. Die „unendliche Mühe“ des Besetzens mit rund 450 Auditions habe sich gelohnt, sagt der Festspielchef, der hier auch auf die „tolle Unterstützung“ der Zentralen Arbeitsvermittlung für Künstler zählen konnte.

Das größte Wagnis seiner ersten Spielzeit sei die Welturaufführung des extra für Bad Hersfeld geschriebenen und komponierten „Carmen“-Musicals gewesen. Zwei Autoren, die noch nie zuvor für das Genre gearbeitet hatten und der Wechsel des Regisseurs von Stefan Huber zu Nico Rabenald wenige Wochen vor Probenbeginn hatten die gewaltige Aufgabe noch gewaltiger gemacht.

„Der große Knall, den Sie nach der Premiere gehört haben, das war der Stein, der uns vom Herzen gefallen ist, als die Zuschauer zwölf Minuten lang applaudiert haben,“ beschreibt Freytag seine Erleichterung.

Zu seiner eigenen Inszenierung, Schillers „Wilhelm Tell“, mag er eigentlich nichts sagen: „Da bin ich befangen.“ Freytag berichtet jedoch von der Probenarbeit, als die zunächst in einer Halle einstudierten Szenen auf der Bühne der Stiftsruine nahezu komplett verändert wurden. „Wir alle, die wir hier neu arbeiten, mussten die Orte neu lernen,“ sagt er und nennt als Beispiel die Rütli-Szene, die einfach „nicht über die Rampe kam“, bis sie durch ein wenig Verschieben und durch ein Feuer doch endlich funktionierte.

Richtig glücklich ist der Intendant auch mit dem modernen Stück „Kein Schiff wird kommen“, das in der Schilde-Halle gezeigt wird. „Ich freue mich wahnsinnig über die ausnahmslos positiven Reaktionen, und die Halle ist ein Glücksfall“, schwärmt Freytag.

Über das Kindertheater müsse man nachdenken, sagt er, denn die aus Berlin eingekaufte Produktion von „Die Brüder Löwenherz“ sei zwiespältig aufgenommen worden und möglicherweise auch für Achtjährige nicht geeignet gewesen. „Mir fehlte etwas das Herz, und die zentrale Botschaft war vielleicht missverständlich“, übt Freytag Selbstkritik. Er warnt allerdings davor, Kinder zu unterforderen. Für sie müsse genauso ernsthaft Theater gespielt werden wie für Erwachsene. Im nächsten Jahr, so verspricht er, sei das Familienstück „ohne Wenn und Aber für Kinder ab sechs“ Jahren geeignet.

Mit Jean-Claude Beruttis viel gelobter Inszenierung von Maxim Gorkis „Sommergäste“ und der das Publikum polarisierenden Tragikomödie „Man spielt nicht mit der Liebe“ im Schloss Eichhof stehen zwei Stücke auf dem Programm, deren Auswahl der Intendant vehement verteidigt. „Es gibt einen Trend, dass etwas schwierigeres Schauspiel immer weiter zurückgedrängt wird. Das finde ich schrecklich,“ sagt Freytag.

Das Schauspiel will er auch angesichts des unbefriedigenden Kartenverkaufs keinesfalls preisgeben. „Jedenfalls nicht kampflos. Diesen Ritt müssen wir hinkriegen,“ sagt der Intendant, der die Subventionenen für die Festspiele als Verpflichtung versteht. „Die bekommt man nicht für Lachgas,“ stellt Holk Freytag fest und wird auch nächstes Jahr wieder versuchen, Anspruch und Unterhaltung in Einklang zu bringen. „Der Spielplan 2011 ist schon fast fertig, und er wird natürlich ganz toll,“ verspricht er.

Von Karl Schönholtz

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