Paul Celan-Abend mit Ben Becker und Giora Feidman in der Schilde-Halle

Singende Silben

Zweistimmiges Zusammenspiel: Der Klarinettist Giora Feidman (links) und der Schauspieler Ben Becker am Samstag in der Bad Hersfelder Schilde-Halle. Foto: Karl Schönholtz

Bad hersfeld. Der Bruch kam zum Schluss. Als das Musiker-Trio um den Klarinettisten Giora Feidman als Zugabe Gershwins „Summertime“ anstimmte und sich der Schauspieler Ben Becker mitswingend hinzugesellte, erhielt der Paul Celan-Abend in der Bad Hersfelder Schilde-Halle am Ende doch noch eine versöhnliche Note.

Denn ohne diesen Stimmungswechsel wäre das gut 300-köpfige Publikum zwar tief beindruckt, aber eben auch ein wenig bedrückt in den späten Samstagabend entlassen worden. Dafür hatte in den zwei Stunden zuvor Ben Beckers bewegende Interpretation der sprachgewaltigen Gedichte und Briefe Celans gesorgt.

Nicht nur mit seiner unverwechselbaren Stimme, sondern auch durch meisterliches Deklamieren hatte der Schauspieler den Worten des Dichters Farbe verliehen und den Silben singenden Klang.

Paul Celan (1920- 1970) hat es den Lesern seiner düsteren Wortkaskaden nämlich alles andere als leicht gemacht. Oft gibt erst das betonte Vorlesen einen Hinweis, was der Dichter gemeint haben könnte. Ben Beckers gut vorbereiteter Vortrag gibt diese Hilfestellung wie etwa in der „Todesfuge“ („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“) oder in „Corona“.

Bei der Sinnsuche unterstützt wird der Schauspieler von Giora Feidmann und seinen beiden Begleitern an Bass und Gitarre. In gleitenden Übergängen und wechselweise an Klarinett und Bassklarinette nimmt Feidman das gesprochene Wort auf und verwandelt es in kleine Kostbarkeiten aus Klezmer- und Jazzmusik.

Feidman, der in seinen besten Momenten in der Lage ist, mit seinem Instrument zu „flüstern“ ist Becker dabei ein ebenbürtiger Partner, der den Titel des Programms („Zweistimmig“) unterstreicht.

Allzu künstlich

Eine kleine Einschränkung gibt es nach der Pause: Wurde Ingeborg Bachmanns Brief an den Geliebten gleich zu Beginn des Abends noch aus dem Off vorgetragen, so versucht Becker einen Brief der Celan-Gattin Giselle an den kranken Ehemann mit den Mitteln seiner Stimme aus der inhaltlichen Banalität zu heben – das wirkt allzu künstlich.

Celans noch kompromissloseres Spätwerk und die Umstände seines Freitodes ergreifen das Publikum in der Schilde-Halle jedoch gleich wieder. Es gibt heftigen Beifall, doch der Mantel der Melancholie wird erst durch die Zugabe wieder gelüftet.

Von Karl Schönholtz

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