Bad Hersfelds amtierender Bürgermeister Lothar Seitz über seine Stadt und den Kreis

Wir sind nicht überheblich

Von oben herab geht nur der Blick aus dem Riesenrad. Sonst hält der amtierende Bürgermeister von Bad Hersfeld, Prof. Lothar Seitz, seine Mitbürger nicht für überheblich. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Eigentlich ist Lothar Seitz Professor an der Fachhochschule für Justiz und Finanzen in Rotenburg. Doch zurzeit regiert der Steuer-Jurist als „Vertretungs-Bürgermeister“ in Bad Hersfeld – und damit auch auf Lolls. In einer Gondel des 55 Meter hohen Bellevue-Riesenrads sprach er mit Kai A. Struthoff über seinen „Aushilfsjob“ und das Verhältnis von Bad Hersfeld zum Rest des Kreises.

Herr Professor Seitz, Sie hatten als amtierender Bürgermeisters die Ehre, das Lullusfest zu eröffnen und haben offenbar viel Spaß an ihrem Vertretungsjob. Bereuen Sie es inzwischen, nicht doch selbst als Bürgermeister zu kandidieren?

Seitz: Spaß macht es tatsächlich. Aber ich bereue meine Entscheidung nicht, denn sie ist gut überlegt. Und es ist ja nicht immer Lolls und alles so schön. Meine derzeitige Aufgabe ist sehr ehrenvoll, doch wenn sie vorbei ist, gehe ich gern zurück nach Rotenburg, denn auch da werde ich wieder erwartet.

Wir schauen von hier oben gerade auf die Stiftsruine. Was könnte man tun, um die Festspiele noch stärker im ganzen Kreis zu verankern?

Seitz: Früher kamen zehn bis zwölf Prozent der Besucher aus der Region, jetzt sind es nur noch fünf Prozent. Das ist bedauerlich, das muss verändert werden. Wir haben schon oft darüber diskutiert, so etwas wie preiswertere „Last-Minute-Tickets“ für Bewohner des Kreises anzubieten. Das Problem ist, dass dann viele beim Kartenkauf abwarten. Wir bieten deshalb die Vergünstigungen durch die Hersfeld-Card und attraktive Gruppenangebote.

Im vergangenen Jahr gab es es ja auch ein sehr erfolgreiches Gastspiel in Rotenburg...

Seitz: Dieses Gastspiel in Rotenburg ist gut angekommen. Ich weiß, dass sich dort viele Menschen für die Festspiele interessieren. Aber auch das Rahmenprogramm lockt viele Besucher an. Insgesamt müssen wir wohl noch etwas gezielter Marketing betreiben, um noch mehr Menschen für die Festspiele zu begeistern. Aber in erster Linie liegt es an der Auswahl der Stücke und an den Schauspielern. Im nächsten Jahr kommt Helen Schneider, die hier viele Fans hat. Deshalb bin ich überzeugt, dass es im nächsten Jahr besser läuft als in diesem.

Das derzeit größte Projekt der Stadt ist der Schilde-Park mit der Wissenswelt. Viele Bürger fragen sich, ob wir uns das wirklich leisten können.

Seitz: Wir können uns dieses Projekt leisten, es steht auf sicheren Füßen. Natürlich sind 30 Millionen Euro eine gewaltige Summe für eine 30 000-Einwohner-Stadt. Deshalb sind wir dem Land und der EU für die Zuschüsse sehr dankbar. Ohne diese Förderung, die etwa die Hälfte ausmacht, wäre das Projekt nicht möglich. Die andere Hälfte müssen wir selbst aufbringen. Aber unsere mittelfristige Finanzplanung ist so angelegt, dass wir das auch schaffen werden.

Sie sind Steuer-Experte. Haben Sie eine Idee, wie das Finanz- und Steuersystem so verändert werden könnte, dass die finanziellen Belastungen nicht immer auf den letzten, nämlich die Kommunen abgewälzt werden ?

Seitz: Es gibt das Prinzip der Konnexität. Das heißt, wer etwas bestellt, der zahlt auch dafür. Bund und Länder aber verabschieden häufig Gesetze, für die die Kommunen dann aufkommen müssen, obwohl sie dafür eigentlich kein Geld haben. Das geht natürlich nicht. Außerdem bin ich dafür, dass die Gewerbesteuer weiter bestehen bleibt, weil sie eine sichere finanzielle Grundlage für die Kommunen bildet. Das ist wichtig für unseren demokratischen Staat, denn die Kommunen sind direkt am Bürger dran. Die Menschen müssen erkennen können, dass hier etwas für sie getan wird und jeder daran mitwirken kann. Darüber sind sich übrigens im Grundsatz Kommunalpolitiker aller Parteien einig.

Sie sind Hersfelder und arbeiten in Rotenburg. Ich höre im Altkreis Rotenburg häufig, dass die Hersfelder überheblich sind und sich für etwas Besseres halten. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?

Seitz: Sicher nicht! Vielleicht schwingt da bei manch einem ein bisschen Neid mit, weil wir uns jetzt Kreisstadt nennen dürfen, obwohl Rotenburg früher ja auch mal Kreisstadt war. Außerdem gibt es hier eben ein paar Besonderheiten wie die Festspiele und das Lullusfest. Das kann schon etwas Eifersucht hervorrufen. Aber ich glaube nicht, dass die Hersfelder überheblich sind.

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