Rossinis „Barbier von Sevilla“ entzückt mit Bühneneinfällen und gesanglicher Artistik

100 Silben in 5 Sekunden

Figaro, der Tausendsassa (Johannes Wollrab), wird von den Frauen angehimmelt und weiß sich wohl in Szene zu setzen. Foto:  Hartmann

Bad Hersfeld. Zwei Opernproduktionen in Idealkonkurrenz: Geht im Bad Hersfelder Sommer 2011 „Die verkaufte Braut“ mehr zu Herzen, so enthält „Der Barbier von Sevilla“ mehr geistiges und körperliches Animationspotenzial. Ja, eine Steigerung war noch möglich, und die Stiftsruine quoll bei der Donnerstag-Premiere – wieder großes Publikum und großer Beifall – geradezu über vor Spiel, Spaß und Spannung, veranlasst vom Thüringer Regiemeister Hugo Wieg.

Vielsagende Verschwiegenheit

In wunderbarem Zusammenspiel lassen Bühne und Musik sich ihre Mitteilungen und Geheimnisse entlocken. Zwei weiße Sommervillen im Lattengerüst-Markisenstil – eine große als Doktor Bartolos Domizil, eine kleine als Figaros Frisiersalon - geben den Ruinenmauern einen beinahe modernen, mondänen Anstrich und konkurrieren mit Rossinis Musik in vielsagender Verschwiegenheit. Man ahnt die Finten, Intrigen, Turbulenzen und brennt doch darauf, wie sie sich zeigen.

Wie Figaro, der Titel-Barbier, seinen berühmten Auftritt absolviert: Mit Fahrrad und Frisiermädchen, sagen wir: Barbarellas, die den Tausendsassa der ganzen Stadt anhimmeln. Oder wie das rasante Finale des 1. Akts abläuft, das so geistreich das Finale II von Mozarts „Figaro“-Oper nachempfindet: Jeder gegen jeden und alle trefflich bewaffnet, Bartolo mit Gehstock, der Graf mit Degen-Attrappe, Basilio mit Stockschirm und das Dienstmädchen Berta mit Staubwedel.

Viel edler Stoff

Wieder besticht die feine Typisierung von Ute Krajewskis Kostümen. Weiß und Schwarz dominieren, womit sofort klar ist, dass wir uns, anders als in der „Verkauften Braut“, unter Herrschaften befinden. Doch mischt Rosinas zauberhaftes Glockenkleid ein zartes Rosa (!) darunter, der Graf auf Liebespirsch zeigt sich im Jägerkostüm, der eitle Figaro mit rotem Kummerbund. Auch sonst viel edler Stoff, selbst bei den Soldatenröcken.

Man trägt aber auch Stimme, Stimmen – und was für welche! Der „Barbier“ kann kaum hoch genug besetzt werden, denn er erfordert Spezialisten des Ziergesangs, des Canto fiorito. Wie kleine Blüten also müssen die Tongestecke und -girlanden gepflückt werden und niemals zerpflückt. Wer hätte gedacht, dass Stephan Scherpe, ein Graf Almaviva von körperlichem Gardemaß, das mit so viel feinmetallischer tenoraler Artistik und lyrischem, ja elegischem Zauber kann. Und Teresa Smolnik als Rosina mit einem so geschmeidigen, cremigen wie sämigen Mezzosopran. Ein verheißungsvolles jugendliches Liebespaar, das sich und uns, die Hörer, mit Stimmen aus dem Musterbuch der Singkunst umgarnt und umarmt.

Riccardo Di Francesco (Doktor Bartolo) hält dagegen mit der Wucht und knorrigen Eleganz seines Baritons, mit dem rekordverdächtigen Parlandissimoo der Arie – 100 Silben in fünf Sekunden. Florian Kresser ist in Körpergestik und Gesangsstatur ein Respekt gebietender Musiklehrer Don Basilio.

Quirligster Spieldrang

Den Alleskönner aber gibt der Hersfeld-erprobte Johannes Wollrab in der Titelpartie: ein „Barbier“-Bariton von quirligstem Spieldrang und helltönigem, scharfkantigen Einsatz der vokalen Mittel. Den Sonderfall einer den heftigen Nieslaut und den Koloraturen-Salto zur akustischen Perlenkette verbindenden Quasi-Primadonna stellt Iris Stefanie Maier als Haushälterin Berta vor. Radoslaw Rzepecki, Helmut Müller und der kleine Männerchor ergänzen mit kurzen Einwürfen das Opernpersonal. Der fantasievoll-unermüdliche Rezitativ-Beistand am Hammerklavier kommt von Markus Fischer.

Ein charmanter Rossini

Was sich in der Ouvertüre ankündigte, hält über die zweieinhalb Opernstunden hinweg: Georg Christoph Sandmann musiziert mit den Virtuosi Brunenses einen überaus charmanten, feinmaschig durchwobenen Rossini, von Mozarts Gnaden in punkto Leichtigkeit und Anmut, mit Gespür für Sängerbefindlichkeiten und orchestrale Eigenbedürfnisse. Zum Sternmoment der Bühnentechnik wird die Gewittermusik, in der die ganze Stiftsruine von Blitz und Donner durchzuckt ist.

Von Siegfried Weyh

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