HZ-Interview mit Festspiel-Intendant Holk Freytag über seine Premieren-Inszenierung von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“

Wie sich die Einigkeit formiert

Die Schlüsselszene des Tell: Der Rütli-Schwur mit dem sich die Eidgenossen Treue und Unterstützung in ihrem Kampf gegen das Tyrannenjoch geloben. „Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.“ Fotos: Hans-Heinrich Hartmann

Mit dem menschlichen Freiheitsstreben und mit dem, was eine Gesellschaft wirklich zusammenhält beschäftigen sich die Theaterstücke, die bei den Bad Hersfelder Festspielen in diesem Jahr gezeigt werden. Am morgigen Sonnabend, dem 12. Juni, geht es mit Schillers „Wilhelm Tell“ los, der neue Intendant Holk Freytag inszeniert.

Welches ist Ihr liebster Satz aus „Wilhelm Tell“?

Holk Freytag: Natürlich der Schlusssatz des Rütli-Schwurs: „Wir wollen trauen auf den höchsten Gott / Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen“.

Was stellen Sie in Ihrer Inszenierung in den Mittelpunkt?

Freytag: Den Prozess, wie eine Gesellschaft sich langsam zur Einigkeit formiert - um dann an einer Nicht-Solidarität zu scheitern. In den ersten Akten wird das prä-sozialistische Klima einer solidarischen Gemeinschaft geschaffen, doch durch das gesellschaftlich unverantwortliche Handeln des Tell geht dieser Prozess kaputt. Wilhelm Tell setzt die Rütli-Errungenschaften aufs Spiel, weil er seinen eigenen Kampf führt. Zudem ist ein anderer Aspekt auch psychologisch interessant: Was bedeutet es, dass Tell auf den Kopf seinen Sohnes zielen muss. Das ist ja unaushaltbar.

Sie sagten einmal, Schiller gehe es in diesem Drama in Wirklichkeit nicht um die Schweizer, sondern vorrangig um die Deutschen und ihre Identitätssuche als Nation. Wie zeigen Sie das?

Freytag: In dem wir möglichst intensiv spielen. Schiller stellt immer Argumente vor, die müssen tief durch den Organismus des Schauspielers gehen - erst dann wird ein Stoff heutig. Wir verlagern das Stück also in die Gründungszeit der Bundesrepublik. Nebenbei gesagt sind wir heute wieder an einem Punkt, wo wir um europäische Einheit ringen müssen. Die darf nicht nur Euro heißen.

Wie empfängt die Stiftsruine Sie und Ihr Team?

Freytag: Mit Noblesse und nicht ohne Arroganz. Damit meine ich das Mauerwerk. Gegen diese jahrhundertealte Würde muss man erstmal ankommen. Meine Erfahrung von 180 Inszenierungen nützt mir hier nichts. Zum Beispiel müssen wir bei Figurenarrangements so vorgehen wie in der Oper - ohne dass es Oper werden soll. Die Sprecher dürfen maximal im 30-Grad-Winkel zum Publikum stehen wegen der Verständlichkeit.

Worauf legen Sie in Ihrer ersten Saison besonders Wert?

Freytag: Eben: Dass man uns versteht. Dann: Dass wir durchgängig Stücke spielen, die für Bad Hersfeld neu sind. Dass wir den Gedanken Europa durch alles durchziehen - deshalb zeigen wir auch zum ersten Mal an diesem Ort ein russisches Stück: „Sommergäste“ von Maxim Gorki. Wie oft denken wir noch, Europa sei in Dresden zuende.

Was macht denn „Sommergäste“ wichtig?

Freytag: Wir haben ein wunderbares Ensemble, das fast kammermusikalisch spielt. Es zeigt: Das Personal des Stücks ist ein Fremdkörper im Raum. Wir leben in Dimensionen von PC und Flachbildschirm, leben nicht mehr in großen Dimensionen. In „Sommergäste“ zeigen wir, dass wir als Gesellschaft zu dieser Größe durchaus fähig wären, wenn wir unsere privatistische Haltung aufgeben.

Publikumsrenner ist nach dem Kartenvorverkauf bisher das Musical „Carmen“. Was erwartet die Zuschauer da?

Freytag: Die Handlungsstränge und die Personen haben wir weitgehend übernommen von der Novelle Prosper Mérimées. Aus Bizets Oper sind ein paar Hits erhalten. Ansonsten haben wir eine Originalmusik komponiert. Das Stück verweist wie der „Tell“ auf den Beginn der Bundesrepublik. Da passt der Stoff genau hin. Historisch geht es bei uns bis zum ersten Skandal der jungen Bundesrepublik, Rosemarie Nitribitt. Mit ihr hat die Carmen viel gemein.

Von Bettina Fraschke

Kommentare