HZ-Praktikantin Hannah Becker testete im Selbstversuch, wie es sich anfühlt, mit Messern beworfen zu werden

Wer sich bewegt, muss bluten

Die einzige Regel, die es beim Messerwurf gibt: Egal, was passiert, auf keinen Fall weglaufen!

Bad Hersfeld. Die Vorstellung ist vorbei, die Lichter gehen aus, das Publikum macht sich auf den Weg nach Hause. Am liebsten würde ich mich jetzt auch aus dem Zelt des Zirkus Robini schleichen, doch Silvano Schmidt ist schneller. Schon steht der Zirkusartist vor mir. „Na, bist du bereit?“, fragt er mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht, aus dem ich unverhohlene Schadenfreude ablesen kann.

Ich nicke unsicher und zwinge mich zu einem wenig überzeugenden „Ich denke schon“. Innerlich verfluche ich den Moment, in dem ich großspurig der gesamten Redaktion von meinem Plan erzählt habe, mich mit Messern bewerfen zu lassen und folge dem dauergrinsenden und mit großen Schritten auf die Wurfwand zusteuernden Silvano. Mein Schicksal scheint die gesamte Zirkusfamilie zu interessieren, denn auf einmal stehen sie alle in der Zirkusmanege.

Die Angst wächst

Ich versuche, mich so lässig wie möglich dem Ort zu nähern, der mir vielleicht schon bald zum Verhängnis wird. Sämtliche des Nächtens geschaute Horrorfilme kommen mir wieder ins Gedächtnis, schon sehe ich mich, wie ich aufgespießt von acht Messern mein Leben aushauche. Nur einen Moment später betritt der Mann die Manege, dessen Können in den nächsten Minuten darüber entscheidet, ob ich das Zirkuszelt wieder verlassen werde: Robin Schmidt, in der Hand die Messer. Ich bin gerade noch am Überlegen, ob ich nicht doch einfach weglaufen soll, als mich Silvano in Richtung Wurfwand schiebt und mich nach meinem letzten Wunsch fragt.

Über diese gehässige Frage kann ich kein bisschen lachen und erwidere etwas ungehalten, dass ich gerne mein Leben behalten würde. Wieder grinst Silvano und bläut mir noch schnell ein, auf keinen Fall wegzurennen.

Plötzlich muss ich an Tiere denken, die in Gefahrensituationen in eine Art Schreckstarre verfallen und hoffe, dass dieser Mechanismus auch beim Menschen vorhanden ist. Schon schlägt das erste Messer direkt neben meinem linken Oberschenkel ein. Instinktiv schließe ich die Augen, denn Messer, die auf mich zufliegen, gehören nicht zu den Bildern, an die ich mich im Falle meines Fortbestehens erinnern möchte. Ich spüre einen Luftzug neben meinem Ohr und höre das unangenehme Geräusch von zerberstendem Holz.

Das letzte Messer fliegt

Ich versuche wegzuhören, rede mir innerlich gut zu und zähle die Einschläge. Nach dem siebten ringe ich mich zu einem Blinzeln durch. Schon sehe ich das letzte Geschoss direkt auf mein Gesicht zurasen und will gerade hysterisch loskreischen, als ich die Stimme von Silvano höre: „So, das war’s.“ Ungläubig blicke ich mich um. Meine erste Erkenntnis: Ich lebe noch! Vorsichtshalber begutachte ich sämtliche Gliedmaßen, doch ich habe nicht mal einen kleinen Kratzer davon getragen.

Ein Gefühl des Triumphes steigt in mir empor. Das soll es gewesen sein? Das war ja das reinste Kinderspiel! Vielleicht stürze ich mich demnächst an einem Gummiseil befestigt eine Schlucht hinunter oder stecke meinen Kopf in das Maul eines Löwen - nach meinem Messerwurf-Erlebnis kann mich nämlich gar nichts mehr schocken!

Hintergrund

Von Hannah Becker

Kommentare