Fastenbrechen – Moslems essen nach Sonnenuntergang gemeinsam mit Christen

Sich mit Achtung begegnen

Mit Liebe gekocht, mit Freude beim Fastenbrechen entgegengenommen: Am Freitagabend bekam jeder ein kleines Menü mit Linsensuppe, Köfte mit Kartoffeln und gefüllten Weinblättern. Frauen bedienten Mädchen und Frauen, Männer gaben Essen aus an Jungen und Männer. Foto: Apel

Bad Hersfeld. Alles ist ausgerichtet auf einen ganz bestimmten Zeitpunkt, der ganz speziell für Bad Hersfeld für Freitag, 3. Juli, berechnet worden ist: 21.45 Uhr. Ab diesem Zeitpunkt darf gegessen und getrunken.

Es ist Ramadan. Gläubige Muslime nehmen einen Monat lang tagsüber weder Nahrung noch Getränke zu sich. Auch wenn es so heiß ist wie in den vergangenen Tagen. „Das ist alles eine Frage des Willens, der Körper stellt sich schnell auf die veränderte Situation ein“, sagt Ayan Altinbas, der Kassierer der türkisch-islamischen Gemeinde der Kreisstadt. Auf Nachfrage hebt er allerdings auch hervor, dass man geistig und körperlich fit sein muss und dass man sich bei großer Hitze äußerlich mit etwas kaltem Wasser abkühlen darf.

Am Freitagabend soll das Fasten mit einem ganz besonderen Fest im Hof der Bad Hersfelder Moschee gebrochen werden, und deshalb kommen von überall her Besucher: Gemeindemitglieder, aber auch evangelische Christen, Erster Stadtrat Dr. Rolf Göbel und Staatsminister Michael Roth, der die Anregung zum überkonfessionellen Fastenbrechen – zum gemeinsamen Feiern, zum Sich-Begegnen – aus Berlin mitgebracht hat.

Imam Celal Dogan begrüßt die Anwesenden. Angesichts der Tatsache, dass ein Gemeindeglied die gesamten Kosten des Festes übernimmt, weist Dogan darauf hin, dass derjenige, der andere zum Essen einlädt, Allah zum Essen einlädt, und dass derjenige, der anderen hilft, bei Allah anerkannt ist. Angesichts des reich gedeckten Tisches bittet er darum, auch derer zu gedenken, die das Fasten mit Wasser und Tomatensuppe brechen.

Minister Roth bezeichnet die Fastenzeit als Zeit der Einkehr, aber auch des Gedankenaustausches. Er weist darauf hin, dass 2000 Muslime in seinem Wahlkreis leben: „Sie gehören dazu!“, und er ruft dazu auf, sich mit Achtung zu begegnen. Zwingend sei, dass man sich der Sprache Deutsch als gemeinsamer Sprache bediene und dass man die im Grundgesetz garantierten Grundwerte als gemeinsames Fundament betrachte – unabhängig davon, wo jeder Einzelne geboren sei.

Stadtrat Dr. Göbel sieht im gemeinsamen Fastenbrechen ein Zeichen von Toleranz, und er betont: „Gott liebt uns Menschen unabhängig von unserer Religionszugehörigkeit!“

Grüße der Christen

Pfarrer Frank Nico Jaeger überbringt die Grüße der evangelischen Kirchengemeinden. In der Teilnahme am Fastenbrechen sieht er ein Zeichen der Freundschaft und der Begegnung auf Augenhöhe. Es gelte, das Gemeinsame und nicht das Trennende zu betonen und sich hier wie da den Menschen zuzuwenden.

Fast im gleichen Moment ruft Muezzin Mehmet Ali Mercimek zum Gebet. Alle verharren andächtig, stellen sich dann aber ebenso andächtig an den inzwischen langen Essensausgabeschlangen an. Es gibt Linsensuppe, Köfte mit Kartoffeln, gefüllte Weinblätter und vieles mehr. Als „Aperitif“ isst man gerne eine Dattel, und wer „richtig“ essen will, achtet darauf, dass er seinen Magen mit je einem Drittel Luft, Wasser und Essen füllt. Das kann er tun bis 3.43 Uhr. Nicht länger. Aber bis dahin ist ja noch viel Zeit, und die Freude darüber merkt man allen an.

Von Wilfried Apel

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