Missbrauchs-Prozess vor dem Jugendschöffengericht muss neu aufgerollt werden

Sexuelle Verschwörung

Bad Hersfeld. Amstgerichtsdirektorin Michaela Kilian-Bock, Vorsitzende des Jugendschöffengerichts, spielte mit offenen Karten: Im Prozess wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes machte sie dem Angeklagten eindringlich klar, dass er bei der Vielzahl der Vorwürfe im Fall einer Verurteilung nach dem Erwachsenenstrafrecht für etwa fünf Jahre hinter Gitter müsse. Auch nach Jugendrecht müsse er mit einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung rechnen, es sei denn, der 20-Jährige erspare durch ein Geständnis den Missbrauchsopfern eine Vernehmung vor Gericht.

Doch es half nichts. Der arbeitslose Familienvater bestritt vehement, in den Jahren 2010 und 2011 in Bebra und Schrecksbach mit seinen damals 13 beziehungsweise acht Jahre alten Halbschwestern in insgesamt 22 Fällen Geschlechtsverkehr gehabt oder sie unsittlich berührt zu haben.

Dass die beiden Mädchen sowohl bei einer polizeilichen wie bei einer richterlichen Vernehmung entsprechende Angaben gemacht hatten, beeindruckte den Heranwachsenden nicht. Er sah sich als Opfer einer Verschwörung, in der die beiden Kinder nur die Werkzeuge von missgünstigen Erwachsenen waren. So vermutete der Angeklagte einen Racheakt, weil er eine Affäre mit der verheirateten Mutter der besten Freundin der jüngeren Halbschwester beendet habe.

Staatsanwalt Dr. Heiko Heppe mochte angesichts der detaillierten Angaben in den Aussagen der Opfer an derartige Motiv-Volten nicht glauben und verdeutlichte dem 20-Jährigen, dass diesem „das Wasser bis zum Hals“ stehe. Doch der Schrecksbacher beharrte darauf, nicht etwas gestehen zu wollen, was er nicht begangen habe.

Nun wird stattfinden, was auch sein Pflichtverteidiger Christian Kusche gerne vermieden hätte: In einem neuen Termin wird der Prozess von vorne aufgerollt werden, dann mit den beiden Mädchen als Zeuginnen. Außerdem soll auch die ehemalige Liebhaberin des Angeklagten gehört werden.

Von Karl Schönholtz

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