Das Brahms-Requiem mit Werken von Mahler und Reger im Kantoreikonzert

Sensibel für letzte Dinge

Vornehme Aufgabe für Chor und Orchester: Die Hersfelder Kantorei und die Landeskapelle Eisenach im Deutschen Requiem op. 45 von Johannes Brahms am Sonntag in der Bad Hersfelder Stadtkirche. Foto: Janßen

Bad Hersfeld. Nicht dass wir dieses Deutsche Requiem 150 Jahre nach seinem Entstehen restlos verstanden hätten. Johannes Brahms gehört ja zu den Komponisten, die sich auf seltsame Weise dem raschen Begreifen verschließen.

Der Brahms-Verehrer Arnold Schönberg nannte dessen Verfahren einmal „entwickelnde Variation“. Themen und Motive wandeln sich bereits im Entstehen ab, maskieren sich durch harmonische Ausweichung, das Taktmaß wird durch Häufung von Synkopen und Hemiolen fortwährend verschleiert. Erst schrittweise ergibt sich Endgültiges.

Die ganze Genialität des Opus 45, die man damals bald bemerkte und die auch das Bad Hersfelder Publikum am Volkstrauertag in der gut gefüllten Stadtkirche wahrnahm, stellt sich freilich nur im Zusammenklang von Musik und Text ein. Auch er – in den von Brahms selbst ausgewählten Bibelworten (vorwiegend Psalmen und neutestamentliche Briefstellen) und im sprachmächtigen Lutherdeutsch – führt behutsam zu den letzten Dingen. Zu Beginn wendet er sich an die Lebenden („Selig sind, die da Leid tragen“, Satz 1), um erst am Ende (in Satz 7) zum „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben“ zu finden.

Solche verborgene Prozesshaftigkeit unmissverständlich hörbar gemacht zu haben, war das große Verdienst der aktuellen Wiedergabe unter Sebastian Bethges Leitung. Man wurde gewissermaßen im Fortgang der Aufführung mit Text und Musik vertraut. Die Hersfelder Kantorei (knapp 60 Chorsänger) erwies sich als homogener, wendiger, anpassungsfähiger Klangträger – wenn auch mit kleineren Durststrecken (leichtes Schleppen in Satz 4). Die Sopranstimmen fielen durch leichte Aufschwünge, sanftes Leuchten, expressive Feindosierung auf. Der stimmliche „Unterbau“ hätte sich speziell in den Fugenkomplexen noch klarer profilieren dürfen.

Transparent

Ohne Fehl und Tadel trotz nur je zweier Celli und Bässe die Landeskapelle Eisenach mit ihrem transparenten, geschmeidigen und, wo nötig, auftrumpfenden Klanggepräge. In Satz 5 (Johannes-Evangelium) hängt alles ab von der Solosopranistin. Marie-Pierre Roy sang ihren Hörern einen wahren Engelstrost zu – mit fein geschwungenen Bögen und innigstem Ausdruck, jede Note, jede Silbe ein Bekenntnis. Peter Schüler, eher auf Korrektheit bedacht, ließ ein wenig das Seherische, Prophetische der Baritonpartie vermissen. Für den Kantor war das Deutsche Requiem eine Premiere, eine Herausforderung. Und schließlich eine Überzeugungstat, die er mit wachem, Zugriff auf Musik- und Sprachgehalt einlöste.

Die beiden vorausgegangenen Werke des reichen Programms, das dem Gedenken des Kirchenmusikförderers Hartmut H. Böhmer gewidmet war, verlangten eine Mezzosopran-Solistin. Hildegard Rützel konnte in Max Regers Szene „An die Hoffnung“ op. 124 (Text Hölderlin) stärker überzeugen – mit enormer vokaler und emotionaler Reichweite, mit suggestiver, und individueller Klanglichkeit – als Cornelia Sander. Sie hatte mit Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“ (Text Friedrich Rückert) freilich das schwierigere und sensiblere Pensum zu bewältigen, was sie etwas zu vorsichtig tat. Betroffenheit stellte sich da kaum ein, wohl aber schöne Bläserepisoden aus dem Orchester.

Allenthalben ausgiebiger Beifall und sogar Blumen.

Von Siegfried Weyh

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