Selbstschutz und Einkaufen aus Automaten

Hallo, liebe Leserinnen und Leser der Hersfelder Zeitung, die Bürger im Wartburgkreis rüsten auf: Händler bestellen und verkaufen kistenweise Pfeffersprays, Selbstverteidigungskurse sind gefragter denn je und die Anträge für einen Kleinen Waffenschein sind um ein Vielfaches gestiegen. 2013 stellte die Waffenbehörde des Kreises noch 14 Kleine Waffenscheine aus, im Dezember 2015 und im Januar sind schon insgesamt 55 Anträge gestellt worden. Als Grund werde fast ausschließlich „Selbstschutz“ genannt. Dieser Trend sei gefährlich, warnen Polizei und Behördenmitarbeiter. Von Vorfällen wie in der Silvesternacht in Köln ist der örtlichen Polizei nichts bekannt. Das Leben in Südthüringen gilt laut Polizeistatistik seit Jahren als besonders sicher – daran hat sich nichts geändert.

Erwartungen geweckt, deren Erfüllung fraglich erscheint, hat Andreas Neumann, der eine Versicherungsagentur in Bad Salzungen betreibt – laut Visitenkarte Vertriebsleiter Ost der IVVB-GmbH Hannover. Im Gemeinderat des Moorgrundes stellte er ein „Konzept Einzelhandel ländlicher Raum“ vor: In Dörfern mit mehr als 500 Einwohnern suche sein Auftraggeber Grundstücke, um begehbare Supermarkt-Automaten mit Lebensmitteln und Drogerieartikeln aufzustellen. Diese Verkaufsstellen ohne Personal würden einmal täglich aufgefüllt und könnten mit EC-Karte betreten werden. Auch über einen Heißgetränke-, einen Pfandautomaten und eine Paketstation verfüge der vollautomatische Markt, der rund um die Uhr geöffnet sei und Platz für 800 Produkte biete.

Wenn gewollt, könnten auch heimische Betriebe dort Waren verkaufen. „Somit wird gewährleistet, dass bestehende Strukturen nicht zerstört, sondern ergänzt werden“, heißt es in den Exposés, die Neumann an die Gemeinderäte verteilt hatte. Am Ende des Vortrages achtete er jedoch peinlich darauf, alle wieder einzusammeln. Bei diesem „für Deutschland einzigartigen Projekt“ habe man mit Rewe und Rossmann namhafte Partner gefunden, erklärte er.

Eine prima Sache für den ländlich geprägten Moorgrund, befand der Gemeinderat, und stellte Grundstücke in Möhra, Witzelroda und Gumpelstadt zur Verfügung, auf denen die Automaten-Märkte errichtet werden sollen. Bis zu 400 könnten es pro Jahr werden, sagte Neumann. Als Vertriebsleiter Ost sei er in ganz Südthüringen unterwegs. Auch in Barchfeld-Immelborn und Vacha hat er das Vorhaben bereits beworben.

Das Problem: Die „beteiligten“ Unternehmen wissen nichts von dem Projekt. „Das ist ja mal eine interessante Idee. Aber sie gehört ins Reich der Fabel“, sagte Rossmann-Pressesprecher Stephan-Thomas Klose auf Anfrage der Redaktion. Die Drogeriekette lege Wert auf persönlichen Kontakt zu den Kunden und werde ihre Produkte „sicher nicht in Automaten anbieten“. Rewe-Sprecher Thomas Bonrath befand: „Das ist ein Witz!“ Solche Pläne gebe es bei Rewe nicht.

Mario Demange, der nach eigenen Angaben das Projekt bei der IVVB-GmbH betreut, erklärte auf Nachfrage der Redaktion zur Antwort der Pressestellen. „Das Projekt ist so hoch angesiedelt, die wissen davon nichts.“ Die ersten Einkaufsmärkte würden Anfang April eröffnet. Genaue Standorte wollte Demange nicht nennen. „Das kann und will ich nicht, sonst kommen noch andere auf den Trichter.“

Die Moorgrund-Gemeinde wird die Grundstücke trotz der widersprüchlichen Aussagen zur Verfügung stellen. „Für unsere Gemeinde entsteht bislang kein Schaden, weder Kosten noch Verwaltungsaufwand in Größenordnungen“, erklärte Bürgermeister Udo Schilling (CDU). Die Projektidee sei „genau das, was wir im ländlichen Raum brauchen“. Seit Jahren bemühe sich die Kommune, die Nahversorgung in den Ortsteilen zu verbessern.

beate.funk@stz-online.de

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