Als Festspiel-Inspizientin vermittelt Andrea Seliger zwischen Kunst und Technik

Auf die Sekunde genau

An ihrem Arbeitsplatz: Andrea Seliger. Vom Zuschauerraum gesehen steht das Inspizienten-Pult rechts neben der Bühne. Foto: Broy

Bad Hersfeld. Andrea Seliger sorgt dafür, dass die Schauspieler auf die Sekunde genau zu ihrem Einsatz hinter den Säulen der Stiftsruine hervortreten. Aber auch dafür, dass der Ton klar zu hören ist und die Requisiten am Platz sind. Alles richtig gemacht hat sie, wenn die Zuschauer gar nicht bemerken, dass sie überhaupt da ist: Seliger arbeitet als Inspizientin.

„Ich vermittele zwischen Kunst und Technik“, fasst Seliger zusammen. Schon während der Probenzeit begleitet sie die Inszenierungen: „Wenn der Regisseur zwischendurch entscheidet, dass ein kleiner statt ein großer Teller als Requisite gebraucht wird, muss ich das festhalten.“

Kein Ausbildungsberuf

Ihre Berufsbezeichnung kann außerhalb des Theaterbetriebes nicht jeder korrekt einordnen. „Den englischen Begriff, Stage-Manager, mag ich deshalb lieber. Wenn man sich als Inspizientin vorstellt, wird man nämlich gerne mal gefragt, ob man vom Ordnungsamt kommt“, sagt die gebürtige Stuttgarterin in leichtem Schwäbisch.

Eine Ausbildung für Inspizienten gibt es nicht, es gilt das Prinzip „Learning by doing“, Lernen durch Ausprobieren. Für Seliger war früh klar, dass sie am Theater arbeiten wollte, „aber was ich sicher wusste war, dass ich keine Schauspielerin werde“, meint die 51-Jährige und hebt dabei den Zeigefinger. Deshalb studierte sie Theaterwissenschaft und Pädagogik. Die Studieninhalte fand sie allerdings zu theoretisch, wurde „mit der Zeit richtig mürbe.“ Als Koordinatorin hinter der Bühne fühlt sie sich sehr wohl, „den Job würde ich jederzeit nochmal wählen.“ Bisher war sie an Theaterhäusern in Düsseldorf, Bonn, Frankfurt, Bochum und Wuppertal engagiert, in Bad Hersfeld gehört sie zum ersten Mal zum Team.

Während der Vorstellungen steht Seliger an ihrem Inspizientenpult, das mit Mikrofonen, jeder Menge Knöpfe und kleinen Fernsehern ausgestattet ist, mit denen sie das Geschehen auf der 1400 Quadratmeter großen Bühne von verschiedenen Perspektiven im Blick hat.

Textbuch liegt griffbereit

Auch hinter den steinernen Säulen und im Kirchenschiff der Ruine sind solche Bildschirme und Signallampen angebracht, die die Inspizientin von ihrem Platz aus steuern kann. Griffbereit liegt außerdem immer das Textbuch des jeweiligen Stückes, in dem die Einsätze der Schauspieler markiert sind.

Wenn die Darsteller, wie es häufig vorkommt, aus Bodenklappen auf die Bühne steigen und versteckt hinter den Säulen auf ihren Einsatz warten, lässt sie die roten Einsatzlampen im richtigen Moment rot blinken.

Der Darsteller stürmt dann nach vorne. „Wenn alles glatt läuft, ist der Job langweilig. Aber man hat immer spannende Kollegen zum Plaudern“, sagt Seliger und lacht.

Von Sonja Broy

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