HZ-Interview mit Starjournalist Günter Wallraff über Sarrazin und die Rolle der Medien

Auf Seiten der Schwachen

Die Schere zwischen arm und reich klafft immer weiter auseinander: Günter Wallraff bei der Lesung aus seinem neuen Buch „Aus der schönen neuen Welt“ in der Bad Hersfelder Martinskirche. Foto: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld. „Tue deinen Mund auf für die Stummen“ heißt es im Alten Testament. Diesen Bibelspruch zitierte Pfarrer Karl-Heinz Barthelmes zur Begrüßung eines Journalisten, der stets nach diesem Motto gehandelt hat. Günter Wallraff hat am Sonntag in der Martinskirche aus seinem neuen Buch vorgelesen. Danach sprach Kai A. Struthoff mit Günter Wallraff.

Herr Wallraff, Deutschland diskutiert aufgeregt über Thilo Sarrazins Thesen. Sie waren schon Mitte der 80iger Jahre als Türke Ali „Ganz unten“. Hat Sarrazin mit seiner Analyse der Lage recht?

Günter Wallraff: Einzelne Punkte müssen diskutiert werden. Aber Sarrazin verallgemeinert und hat dabei selbst gar keinen Kontakt zu hier lebenden Einwanderern. Ihm geht es um Provokation um jeden Preis, Herabsetzung, Verächtlichmachung, Ächtung von Minderheiten, um jeden Preis. Seine gesamte Haltung ist die eines Herrenmenschen. Er forderte früher schon, Hartz-IV-Empfängern keinen Heizkostenzuschuss zu zahlen, sie sollten sich halt warm anziehen, und er meinte auch, für Lebensmittel würden 120 Euro im Monat ausreichen.

Überrascht Sie das Maß der Zustimmung, die Sarrazin von vielen Bürgern erhält?

Wallraff: Sarrazin ruft Geister, die man nachher nicht mehr los wird. Man kann die von ihm aufgeführten statistischen Daten fast alle widerlegen. Trotzdem hätte die Politik auf die Stimmungslage reagieren müssen. Wir sind längst ein Einwanderungsland. Das wurde zu lange geleugnet. Sarrazin ist ein Biedermann, der als Brandstifter agiert. Natürlich sind einige seiner Kritikpunkte berechtigt. Sie müssen auch diskutiert werden. Aber seine biologistischen und genetischen Thesen stammen aus der Rassenlehre der NS-Zeit. Dass ihm trotzdem so viele zustimmen, zeigt in welcher Verunsicherung viele Menschen leben. Die Abstiegsängste sind in Zeiten der Wirtschaftskrise groß. Sarrazin schafft dafür Ersatzschuldige. Das ist gefährlich.

Sarrazin polarisiert. Das haben Sie freilich auch oft getan. Was halten Sie vom Umgang der Kritiker mit Sarrazin?

Wallraff: Ich habe schon früh gesagt: Hängt das niedriger. Macht nicht noch einen Martyrer aus ihm. Er hätte doch ruhig als Karteileiche in der Partei bleiben können, schließlich hat er ja kein Amt inne. So aber fürchte ich, dass am Ende womöglich mit ihm und um ihn herum eine rechts-populistische Partei entsteht. Das wäre für die Demokratie nicht förderlich. Noch gibt es in der Politik aber glücklicherweise einen Konsens, der dagegen hält.

Sie sind für Ihre Recherchen immer in andere Lebenswelten eingetaucht. Fehlt den Verantwortungsträgern, eigentlich uns allen, diesen Wissen um das Leben der anderen? Bewegen wir uns nicht alle in Parallelwelten?

Wallraff: Ja, wir leben nicht nur in einer Klassengesellschaft, sondern in einer Art Kastengesellschaft. Die einzelnen Gruppen sind viel zu sehr unter sich. Die Oberschicht schirmt sich ab. Es gibt keine Durchmischung mehr in der Gesellschaft. Die Geächteten sind Langzeitarbeitslose und Arbeitsimmigranten. Durchbrechen kann man das nur durch eine grundlegende Änderung des Schulsystems. Das muss schon in den Kindergärten anfangen. Wenn Kinder zusammen spielen, lernen aufwachsen, werden diese Schranken überwunden.

Sie sind mit Ihrer Form des kompromisslosen Journalismus Vorbild für viele Journalisten. Haben Sie die deutsche Medienlandschaft verändert?

Wallraff: Das würde ich so nicht sagen. Ich kenne Einzelne, die durch mich zum Journalismus gekommen sind. Das sind oft die Kritischeren. Ich habe vielleicht einen Beitrag daran, dass manche soziale Themen stärker berücksichtigt werden und Zivilcourage gefördert wird.

Die technischen Möglichkeiten des Internets haben den Journalismus revolutioniert. Sind die Medien durch Twitter & Co. besser geworden?

Wallraff: Nein! Gerade deshalb müssen wir die Vielfalt der Zeitungen fördern, weil sonst die Desorientierung voranschreitet. Im Internet ist es schwer, den Überblick zu behalten, Gerüchte von Fakten zu unterscheiden. Die Übersicht, die Zeitungen vermitteln, ist nicht zu ersetzen. Für mich sind die Printmedien nach wie vor gewissenhafter und seriöser. Aber die Printmedien sind durch den wirtschaftlichen Druck, durch Einsparungen in Gefahr. Dabei müssten die Printmedien eigentlich qualitativ gestärkt werden, damit sie noch unverzichtbarer werden.

Viele junge Journalisten glauben, mit ihrer Arbeit die Welt verändern, vielleicht sogar etwas verbessern zu können. Ist das überhaupt möglich?

Wallraff: Von Fall zu Fall ja! Sie können auf jeden Fall meinungsbildend wirken. Das soziale Gewissen sensibilisieren, für Toleranz eintreten. Sie können für Aufklärung sorgen. Verständnis statt Hass fördern und eine permanente Öffentlichkeit herstellen. Eine freie, unabhängige Presse ist eine der wichtigsten Säulen der Demokratie. Presse muss zwar von Parteien unabhängig sein, trotzdem aber Partei ergreifen für die Schwachen, die Unterdrückten der Gesellschaft.

Kommentare