Nach dem Krieg vermissten viele Leser ihre Heimatzeitung – sogar in der Schule

Sehnsucht nach der HZ

Das waren noch Zeiten: 52 Schüler in einer Klasse – und kein einziges Mädchen. Das Foto unseres Lesers Henner Göbel aus Bad Hersfeld zeigt die Klasse 8a des Geburtsjahrgangs 1934/1935. Foto: nh

Bad Hersfeld. Anfang des Jahres 1949 beschrieb ein 14-jähriger Schüler in einem Aufsatz die Stimmung in der Bevölkerung Hersfelds, die vier Jahre nach Kriegsende noch immer auf ein Wiedererscheinen „Ihrer“ Heimatzeitung warten musste.

Die Klasse 8a des Geburtsjahrganges 1934/35 hatte acht Jahre Volksschule in Kriegs- und Nachkriegszeiten absolviert. Der Klassenlehrer, Konrektor Altvater, hatte von jedem der 52 Schüler der Abgangsklasse einen Aufsatz schreiben lassen.

Thema: „Unsere Stadt Hersfeld“ – damals noch ohne den Zusatz „Bad“. Es entstand eine Momentaufnahme, die die wichtigsten Einrichtungen der Stadt zum Beispiel aus den Bereichen Industrie, Handwerk, Kultur und Geschichte zum Thema hatte.

Die 52 Aufsätze wurden fein säuberlich mit der Hand und mit dem Tintenfüller geschrieben. Lehrer Altvater ließ die Aufsätze als Andenken für sich selbst im Format DIN A5 binden. Nach dem Tod Altvaters überlebte das Büchlein 64 Jahre in der Hand mehrerer Schüler und befindet sich heute in meinem Besitz.

Der Schüler Walter Rüffer bekam als Aufsatzthema „Das Hersfelder Zeitungswesen“. Er schreibt: „Hersfeld hat schon 1763 die Hersfelder Zeitung gekannt, darum ist sie auch eine alte Zeitungsstadt. Als 1945 die Amerikaner einrückten, durfte die Hersfelder Zeitung nicht mehr erscheinen. Später kamen andere Zeitungen auf, zum Beispiel die "Hessische Nachrichten" und die "Fuldaer Volkszeitung". Die Hessischen Nachrichten werden in Kassel gedruckt und haben eine Auflage von einer halben Million Exemplaren.“

Es folgt nun der Abschnitt, der die Stimmung der Hersfelder im Frühjahr 1949 beschreibt, die der 14-Jährige in zwei Sätzen zusammenfasst, die offenbar vielen Hersfeldern aus dem Herzen sprachen: „Wir, die Bewohner von Hersfeld, wünschen uns aber immer und immer wieder, dass die alte Hersfelder Zeitung wieder wie vor dem Kriege jeden Tag erscheint. Sie möge dann einen großen Aufschwung haben, alle Hersfelder und die Bewohner des Kreises werden sie gewiß unterstützen indem sie sich verpflichten, ihr jeden Tag ihre Zeitung abzukaufen.“

Walter Rüffer beklagt beredt das Fehlen unserer Heimatzeitung. Kühn gibt er im Namen der gesamten Bevölkerung eine Verpflichtungserklärung ab in der festen Gewissheit, dass die Hersfelder diese auch einlösen werden.

Vermutlich haben in den 64 Jahren, die seit dem Schreiben des Aufsatzes vergangen sind, nicht alle Hersfelder nach dem ersehnten Neuerscheinen 1949 die HZ abonniert. Die Solidarität der Abonnenten und die gute Arbeit der Zeitungsmacher ermöglichten es, dass wir in diesem Jahr das große Jubiläum feiern können.

Wer seine Heimatstadt liebt und sich als „Echter Hersfelder“ bezeichnet, kann auf seine HZ nicht verzichten. Durch die Informationen, die ihm der Lokalteil der Hersfelder Zeitung vermittelt, nimmt er Anteil am Leben unserer Stadt und er weiß, was die Menschen bewegt.

Von Henner Göbel

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