Reportage: Auf Ausbildungsfahrt mit dem Flugkörperschnellboot S75 Zobel der Bundesmarine auf der Ostsee

Bei Seegang wird’s schnell gemütlich

Auf hoher See: Flugkörperschnellboot S75 ZOBEL bei einer Squadex Übung im Jahr 2012. Foto: Bundeswehr Jelena Wiedbrauk / PIZ Marine

Über dem Marinestützpunkt Warnemünde bei Rostock hängt an diesem Winter-Morgen ein grauer Himmel. Die Temperatur liegt nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt, als die Besatzung des Flugkörperschnellboots S75 Zobel die letzten Vorbereitungen zum Auslaufen für zwei Tage Einzelausbildung (ISEX) trifft.

Auf der Brücke herrscht gespannte Aufmerksamkeit. Kommandant und Wachoffizier besprechen Ablegemanöver. Dann gibt der Wachoffizier mit der Batteriepfeife das Signal zum Ablegen.

Das Manövrieren des immerhin fast 60 Meter langen Bootes im engen Hafenbecken ist nicht einfach. Langsames Fahren ist kaum möglich; selbst wenn nur eine der vier jeweils 4500 PS starken Maschinen eingekuppelt ist, macht der Zobel bereits acht Knoten – fast 15 Stundenkilometer. Etwa sechs bis acht Sekunden dauert es, bis die Antriebsschrauben von Voraus- auf Achterausfahrt umgeschaltet sind. Der Wachoffizier muss diese Verzögerung berücksichtigen und entsprechend vorausschauend agieren.

Auf Gefechtsstation

Kaum hat das Boot den Stützpunkt verlassen und die freien Gewässer der Ostsee erreicht, schrillt die Alarmglocke. „Besatzung auf Gefechtsstation“ befiehlt der Kommandant des Zobel über die Schiffslautsprecheranlage. Sofort beginnt routinierte „Hektik“. Schnell werden die bereitliegenden Schwimmwesten und Gefechtshelme gegriffen und schon rennt jeder zu der ihm zugewiesenen Gefechtsstation. Nach wenigen Minuten ist das Boot klar zum Gefecht.

Trotzdem ist der Kommandant, Kapitänleutnant Marc Tippner, unzufrieden. „Das haben wir schon deutlich schneller hinbekommen“ kommentiert er die gezeigte Leistung und ergänzt, dass dies die erste Seefahrt nach einem Stellenwechsel von 30 Prozent der Besatzung im Januar sei. „Deshalb haben wir jetzt auch zwei Tage Einzelausbildung in See, um die neuen Besatzungsmitglieder in den für eine sichere Teilnahme am Seeverkehr wichtigen Rollen zu trainieren“, erklärt der Kommandant. Schließlich hat der Zobel bis zur geplanten Außerdienststellung Ende 2016 noch ein umfangreiches Programm zu bewältigen.

Nach der Geschwaderausbildung im Frühjahr steht neben mehreren nationalen und internationalen Manövern die Teilnahme an der Kieler Woche auf dem Programm. Höhepunkt ist sicherlich die geplante Auslands-Ausbildungsreise, die den Zobel nach Irland, England und Schottland führen wird. „Unser Ziel ist es, den hohen Ausbildungsstand der Besatzung und damit die volle Einsatzbereitschaft des Waffensystems bis zuletzt aufrecht zu erhalten“, sagt der „Alte“, wie der Kommandant eines Bootes in der Marine traditionell genannt wird.

Kaum ist der Gefechtsalarm beendet, wird die nächste Rolle ausgelöst. „Zur Übung! Mann über Bord! Zur Übung!“, schallt es aus den Lautsprechern. Wieder hasten die Soldaten auf die ihnen im Rollenplan zugewiesenen Stationen. Im Gefechtsstand wird mit Hilfe der von den Stationen eingehenden Stärkemeldungen die Vollzähligkeit der Besatzung gecheckt. Der Ausguck hat mittlerweile die für diese Übung über Bord geworfene Rettungsboje entdeckt und weist mit ausgestrecktem Arm in die entsprechende Richtung.

Der Wachoffizier dreht das Boot an und fährt so in einem Bogen Richtung Boje zurück, dass sie in Lee, also im Windschatten gefischt werden kann. Mit einem Bootshaken wird die Boje ins Kletterrettungsnetz gezogen und an Bord geholt. Knapp neun Minuten hat das ganze Manöver gedauert. Bei 2,5 Grad Wassertemperatur sei dies eine Ewigkeit, deshalb müsse das Manöver immer wieder geübt werden, betont der Kommandant.

Inzwischen bereiten die beiden Smuts, wie die Köche an Bord genannt werden, in der winzigen Kombüse das Mittagessen zu. Bis zu vier Mahlzeiten gibt es während einer Seefahrt an Bord; donnerstags und sonntags traditionell sogar noch Kaffee und Kuchen. Meckern über das Essen gibt es nicht, statt dessen viel Lob von allen Seiten. Gegessen wird da, wo gerade Platz ist, schließlich sind die Schnellboote „Einwachenboote“, jeder ist im Dienst solange das Boot fährt.

Überhaupt ist es eng an Bord, bis in die letzte Ecke ist alles vollgepackt mit Technik. Wer nicht gerade auf seiner Station ist, steht eigentlich immer irgendwie im Weg. Kommt dann noch heftiger Seegang hinzu, wird es schnell „gemütlich“. Kein Wunder, dass die 35-köpfige Besatzung sehr schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft zusammengeschweißt wird, die stolz darauf ist, auf dem Flugkörperschnellboot S75 Zobel zu fahren.

Auch auf ihre Patenstadt Bad Hersfeld lässt die Zobel-Besatzung nichts kommen, viele tragen den Lolls-Anstecker an ihrer Uniform. Die gemeinsamen Abende mit der Feuerwehr und natürlich das Lullusfest haben bleibende Eindrücke hinterlassen. Immer wieder fällt auch der Name Volker Henning von der Marinekameradschaft, der sich um die Patenschaft verdient gemacht hat.

„Ziel ist es, den hohen Ausbildungsstand der Besatzung und damit die volle Einsatzbereitschaft des Waffensystems bis zuletzt aufrecht zu erhalten.“

Kapitänleutnant Marc Tippner

Kurz nach der Mittagspause schrillt schon wieder die Alarmglocke. Der Kommandant hat die Feuerlöschrolle ausgelöst. Die Brandbekämpfung an Bord eines Schiffes fordert aufgrund der räumlichen Enge und der entstehenden Hitze die Besatzung bis an ihre Leistungsgrenze. Jeder Handgriff muss – auch „blind“ – sitzen, da im Ernstfall die Sicht durch den entstehenden Rauch auf wenige Zentimeter eingeschränkt ist. Dabei besteht immer die Gefahr, dass das Feuer auf die an Bord befindlichen Kraftstoff- und Munitionsvorräte übergreift. Ständiges Üben ist deshalb keine Schikane, sondern für den Ernstfall überlebenswichtig. Nach einer kurzen Erholungspause steht noch Alarm- und Funktionsschießen mit dem 76mm Geschütz und den schweren Maschinengewehren auf dem Programm, bevor der Zobel in den Marinestützpunkt Kiel einläuft, wo er über Nacht gegenüber dem Segelschulschiff Gorch Fock festmacht.

Auch der zweite Seetag steht ganz im Zeichen der Ausbildung.

Obwohl es hier und da noch etwas klemmt, haben die „Neuen“ an Bord deutlich an Routine gewonnen und sich in die Besatzung integriert. Auch der Kommandant sieht eine spürbare Verbesserung und zeigt sich im Großen und Ganzen zufrieden. Rechtzeitig zum Seemannssonntag, es ist schließlich Donnerstag, zeigt sich sogar noch die Sonne, bevor der Zobel wieder im Marinestützpunkt „Hohe Düne“ in Warnemünde einläuft.

Von Thomas Landsiedel

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