HZ-Montagsinterview: Helga Roesgen, Präsidentin des Bundesamtes für Zivildienst

Sechs Monate genügen

Besuchte die Zivildienstleistenden im Hersfelder Klinikum: Helga Roesgen. Foto: Broy

Bad Hersfeld. Die Bundesregierung hat die Verkürzung von Wehrpflicht und Zivildienst von neun auf sechs Monate beschlossen. Zivildienstleistende können aber künftig nach drei Monaten im Betrieb entscheiden, ob sie ihren Dienst freiwillig um weitere drei bis sechs Monate verlängern. Die Präsidentin des Bundesamtes für Zivildienst, Helga Roesgen, hat sich im Bad Hersfelder Klinikum über die Lage der Zivildienstleisten informiert. Sonja Broy sprach mit Roesgen über die Zukunft des Zivildienstes.

Frau Roesgen, Wie stehen Sie zur Verkürzung der Zivildienstzeit auf sechs Monate?

Roesgen: Jede Verkürzung bringt Probleme während der Umstellungsphase mit sich. Aber ich glaube, dass sowohl die Dienststellen, als auch die Zivildienstleistenden diese Verkürzung verkraften werden. Zumal ja die Möglichkeit einer freiwilligen Verlängerung besteht, die sicher auch genutzt werden wird.

Was macht Sie da so sicher?

Roesgen: Das zeigt die Erfahrung bei Besuchen in den Schulen und den Diskussionen, die wir mit den jungen Männern führen. Seit Januar veranstalten wir einen regelmäßigen Informationstag und die Regionalbetreuer fragen bei den Zivis vor Ort nach. Ungefähr ein Drittel der Männer würde freiwillig verlängern, davon gehen wir aus.

Dennoch schlagen Wohlfahrtsverbände Alarm. Sie argumentieren, dass sich bei nur sechs Monaten die Einarbeitung der Zivis gar nicht mehr lohnt.

Roesgen: Das kommt auf den Einzelfall an. Manche Einrichtungen sagen, es sei ihnen zu kurz. Manche sagen, dass sie es hinkriegen.

Sie halten sechs Monate Zivildienst also für ausreichend?

Roesgen: Es ist schwierig, darauf zu antworten. In vielen Einrichtungen kommt man damit hin. Beispielsweise in der Technik oder im Bereich des Patiententransports ist es nicht so wichtig, ob der junge Mann neun Monate oder sechs Monate dort arbeitet. Denn die Patienten bleiben ja auch keine neun Monate in der Klinik. In Bereichen wie der Betreuung von behinderten Menschen ist es sicher schwieriger, aber da gibt es ja auch noch Alternativen wie das auch von Frauen sehr gut angenommene Freiwillige Soziale Jahr.

Was antworten Sie eigentlich einem jungen Mann, der fragt, warum er seine Zeit ableisten muss, während sein Freund ausgemustert wurde und damit auch vom Zivildienst befreit ist?

Roesgen: Es geht auf der ganzen Welt nicht immer ganz gerecht zu. Natürlich kommen immer solche Fragen wie: Mein Freund hatte Sport-Leistungskurs und wurde trotzdem ausgemustert, warum soll ich jetzt ranmüssen? Ich kann nicht beurteilen, warum jemand ausgemustert wird, dafür ist das Kreiswehrersatzamt zuständig. Ich antworte aber, dass diesem jungen Mann vieles entgeht, weil er nicht den Blick auf die Gesellschaft bekommt wie ein Gleichaltriger, der zum Beispiel mal in einem Altenheim gearbeitet hat.

Gerade wird über eine Aussetzung der Wehrpflicht diskutiert, die gleichzeitig auch eine Aussetzung vom Zivildienst bedeuten würde. Was dann?

Roesgen: Dann muss man überlegen, ob es einen Freiwilligendienst geben wird, um die entstehenden Lücken in den Einrichtungen zu schließen.

Wie wollen sie junge Leute dann dafür begeistern?

Roesgen: Dann müssen wir offensiver werben und unseren Einsatz verstärken. In den Schulen und auf Studien- und Ausbildungsmessen müssen wir junge Leute beraten, die noch nicht entschieden haben, wie es nach ihrem Schulabschluss oder ihrer Ausbildung weitergehen soll.

Auf den Punkt gebracht: Was bringt es mir, Zivil- oder Freiwilligendienst zu leisten, zumal dieser ja auch nur mit wenig mehr als einem Taschengeld vergütet wird?

Roesgen: Unglaublich viele Kompetenzen. Das gesellschaftliche Bild verändert sich, wenn man mit kranken oder älteren Menschen zusammenarbeitet. Ich glaube, dass eine Gesellschaft, die ihre Jungendlichen in solchen Einrichtungen arbeiten lässt, damit eine Generation heranzieht, die eher bereit ist, ehrenamtlich tätig zu sein und in der der der Zivildienst das Miteinander fördert. Und nicht die „was interessiert mich mein Nachbar“-Mentalität.

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