Aus Angst und Scham bleiben die Opfer von Sexualstraftaten meist allein

Das Schweigen der Opfer

Einsam und allein: Häufig vertrauen sich Opfer nicht einmal ihren Eltern an und machen so oft jahrelang die Taten nur mit sich aus. Archivfoto: dpa

Hersfeld-Rotenburg. Das Schlimmste für Thomas S. (Name von der Redaktion geändert) ist, dass sein Peiniger trotz Verurteilung noch immer nicht im Gefängnis ist. Theoretisch könnte Thomas S. immer wieder auf den Mann treffen, der ihn vor sechs Jahren mehrfach sexuell missbraucht hat. Das Opfer weiß, dass der Täter, anders als es selbst, nicht leidet.

Volker Damm, Außenstellenleiter des Weißen Rings im Kreis Hersfeld-Rotenburg, kennt dieses Phänomen, das Wut und Ohnmacht bei Opfern auslöst, bei besonders labilen Menschen auch Panikattacken. Aufgrund von langwierigen juristischen Auseinandersetzungen passiere es häufig, dass die Täter zunächst ihre Strafe nicht verbüßen müssen.

Anfang geschmeichelt

Bis Thomas S. überhaupt über das Verbrechen sprechen konnte, das an ihm begangen wurde, hat es Jahre gedauert. Heute erzählt er ohne Stocken von den schrecklichen Erlebnissen, die er hatte, als er fast noch ein Kind war. Sein späterer Peiniger gehörte irgendwie zum Dunstkreis der Dorfjugend. Thomas S. fühlte sich ein wenig geschmeichelt, dass ein junger Erwachsener so viel Zeit mit ihm verbringen wollte, ihn auch gerne mit seinem Wagen chauffierte.

Bis zu dem Tag, als er vorschlug, bei ihm zu Hause noch ein bisschen „zu quatschen“. In der Wohnung des Täters kam es unter massiver Androhung von Gewalt zum Missbrauch.

Und Gewaltandrohung sowie Scham sorgten auch dafür, dass sich Thomas S. niemandem anvertraute. Nach der Tat ging der Junge nach Hause und duschte lange. „Ich habe mich dann verkrochen“, erzählt er. Auch dieses Phänomen kennt Volker Damm: „Das Schweigen der Opfer erleben wir immer wieder. Auch, dass sie nach dem Verbrechen duschen und somit alle, alle Beweise vernichten. Opfer wollen sauber werden. Und sie schweigen oft.“

Mit Taten jahrelang allein

Genau so verhielt sich Thomas S. Nicht einmal seinen Eltern vertraute er sich an – geschweige denn seinen Freunden. Er blieb jahrelang allein mit den Taten – im Laufe der Zeit missbrauchte der Täter den Jungen, der sich nicht zu helfen wusste, mehrfach.

Erst einige Jahre später stellte sich heraus, dass der Täter im Freundeskreis von Thomas S. auch andere Jungen sexuell missbraucht und vergewaltigt hatte. Sie schwiegen aus Angst und Scham, wussten auch nichts vom Leid des jeweils anderen.

Erst, als einige Taten ans Licht kamen, entschloss sich Thomas S. wie einige seiner Freunde, auszusagen – vor der Polizei und später vor Gericht. „Ich wollte einfach, dass er ins Gefängnis kommt, damit anderen Jungen nicht das passiert, was mir passiert ist“, sagt Thomas S. Seine Familie erfuhr erst nach seiner Aussage vor der Polizei von dem Missbrauch. Sie steht bedingungslos zu ihm. Auch das hat Thomas S. geholfen, die Geschehnisse in seiner Jugend zu verarbeiten.

Von Silke Schäfer-Marg

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