Von Explosionen und feuchten Händen

Ein Schuss, kein Treffer

Gut versteckt: Leonard Kamm (links) zeigt bei Schauspielerkollege Tom Holzapfel, dass er unter seinem T-Shirt verkabelt ist. In seinem Gürtel steckt eine Batterie, mit deren Strom eine Mini-Sprengladung gezündet wird, die sich dann im Apfel befindet. Fotos: Strecker

Bad Hersfeld. Wenn der siebenjährige Leonard Kamm aus Bad Hersfeld mit einem Apfel auf seinem Kopf im „Wilhelm Tell“ auf der Bühne der Stiftsruine vor dem Baumstamm steht und darauf wartet, dass Markus Gertken als Tell die Armbrust für den legendären Schuss anlegt, rutscht ihm schon mal ein Gähnen raus. Schließlich muss er dreieinhalb Minuten aushalten. Unbeweglich. Gleichzeitig werden seine Finger feucht, die in den Hosentaschen stecken. „Da sind nämlich diese Dinger drin, auf die wir drücken müssen. Sonst funktioniert doch der Trick nicht. Wegen der Sicherheit“, sagt er. Und schließlich soll es klappen.

Einmal nur hat es in den bisherigen „Tell“-Aufführungen nicht geklappt. Da stand der achtjährige Tom Holzapfel aus Bad Hersfeld an der gleichen Stelle, denn die beiden jungen wechseln sich ab. „Der Apfel ist einfach nicht explodiert. Dann haben alle so getan, als wäre er doch zersprungen und haben weitergemacht“, sagt die Mutter des Achtjährigen und kichert.

„Der Trick ist so cool! Das erste mal haben wir es probiert, als die für Carmen aufgebaut haben. Angst hatte ich nicht, aber es drückt ein bisschen, wenn der Apfel explodiert“, sagt Tom Holzapfel und nickt. Damit es ihm nicht wehtut, haben sich Pyrotechniker Detlef von Bremen und Technik-Chef Stephan Kuno etwas einfallen lassen. Eine Hartschale aus Kunststoff unter der Perücke schützt seinen Kopf. Befestigen darf sie aber nur einer in der Maske der Festspiele: Michael Seel. „Ja, die jungen Solisten haben schon ihre Wünsche“, sagt er, grinst, und klemmt die Perücke mit Haarnadeln an die blonden Locken des Jungen.

Tom Holzapfel nickt, Leonard Kamm, der neben ihm steht, ebenfalls. „Wir glauben nicht, dass die anderen uns auch so gut verkabeln können“, sagt Holzapfel. Und es ist einiges an Kabelage, das nötig ist, damit der Apfelschuss-Trick funktioniert und die Fruchtstücke nur so wegschießen.

„Als wir den Trick mit den Jungs geprobt haben, wollte ich die Apfelstückchen wegschmeißen, aber ich durfte nicht“, erzählt Pyrotechniker Detlef von Bremen und lacht, „Leonard wollte sie mitnehmen und seinem großen Bruder zeigen. Ja, da waren sie stolz, die zwei.“ Ein bisschen nervös seien die Kinder natürlich auch, aber da geht es dem gelernten Schreinermeister nicht anders. „Obwohl ich vor den Auftritten immer alles kontrolliere und weiß, dass es klappen müsste, geht mein Puls auch immer auf 200“, gibt er zu.

Und zwar genau so lange, bis er den zweiten roten Knopf auf seinem Fernzünder drückt, der Apfel knallend zerplatzt und Leonard „Ja, Papa!“ ruft und Tell in die Arme fällt.

Ganz nah dran: Ein Video vom Apfelschuss finden Sie auf unserer Homepage unter: www.hersfelder-zeitung.de

Von Judith Strecker

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