Eine Bad Hersfelder Sintissa erzählt ihre Geschichte – Ihre Familie lebt seit Generationen in der Region

Schon immer hier und doch noch fremd

Sizilia Feik in ihrer Wohnung in Bad Hersfeld, die die Lebensfreude und den Geschmack ihrer Bewohner ausstrahlt. Foto:  Selzer

Bad Hersfeld. Sie ist zweisprachig aufgewachsen und ihre Muttersprache ist nicht deutsch. Sie kennt die versteckten Vorbehalte und das offene Misstrauen als Reaktion auf ihre Fremdheit, und doch kamen ihre Vorfahren bereits vor mehr als sechshundert Jahren nach Deutschland, vermutlich aus Frankreich. Sizilia Feik ist Sintissa. Seit vielen Generationen wohnt ihre Familie im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Sie ist Katholikin, und sie erzählt vom Jahrestag der Deportation der Familie nach Polen in ein Konzentrationslager, das nicht alle ihre Angehörigen überlebt haben. Auch wenn sie selbst diese Ereignisse nicht mehr miterlebt hat, ist in ihrer Generation die Angst noch tief verwurzelt. Besonders die Kinder würden oft „überbehütet“, dürften sich nicht allein in der Stadt bewegen. Die Erinnerung an Zeiten, in denen Sinti-Kinder einfach weggenommen wurden, ist noch wach.

Altes und Neues verbinden

„Es ist gut, dass sich das ändert“, erzählt die Muter von vier Kindern, die auch bereits Großmutter ist. „Die nächste Generation denkt und empfindet in vieler Hinsicht wie junge Deutsche, sie fühlen sich nicht mehr als bedrohte Fremde.“ Dennoch sei das Gefühl für die Traditionen ihres Volkes, für ihre Wurzeln noch sehr stark, und es gebe viele Bemühungen, das Alte und das Neue zu verbinden.

Als Beispiel nennt Sizilia ihre Muttersprache, das Romanes. Diese seit Jahrtausenden von ihrem Volk gesprochene Sprache mit direkten Wurzeln im Indogermanischen existiert bislang nicht in geschriebener Form. Viele jüngere Sinti und Roma bemühen sich aktuell, den Wortschatz und die Grammatik dieser Sprache in einer möglichst unverfälschten Form festzuhalten.

Ganz offen benennt Sizilia die Probleme ihres Volkes. Theoretisches Lernen sei bei den Sinti nicht anerkannt. Man lerne durch Nachahmung, deshalb seien insbesondere handwerkliche Fähigkeiten weit verbreitet.

Eher nachteilig findet sie die Tatsache, dass die Sinti lange Zeit „in Ruhe gelassen“ wurden, für Sinti-Kinder galt keine Schulpflicht.

20 bis 30 Jahre zurück

„Wir sind 20 bis 30 Jahre zurück, was die Bildung und die Anpassung an die moderne Arbeitswelt angeht“, beklagt sie. Bis vor wenigen Jahren hätten viele ihrer Leute noch genauso wie seit Jahrhunderten gelebt, innerhalb weniger Jahrzehnte sei man ins moderne Leben katapultiert worden.

Als Kind eines deutschen Vaters, das zeitweise bei der deutschen Großmutter aufwuchs, sieht sie sich als Bindeglied zwischen den Kulturen. „Integration ist jeden Tag aufs Neue Arbeit“, erzählt Sizilia Feik. „Wir müssen immer wieder zeigen, wer wir sind und was wir sind.“

Das Interesse an ihrer Herkunft reduziere sich leider immer wieder auf neugierig-verschämte Fragen nach Handlesekunst, Wahrsagerei und esoterischen Heilmethoden. Erst bei näherem Kennenlernen verlören sich diese Klischees und sie werde als Einzelperson angesehen.

Wie wichtig es ist, endlich das Gefühl des Bedrohtseins zu verlieren, erklärt Sizilia Feik in einem Satz: „Wären die Verbrechen der Nazizeit an unserem Volk eher zugegeben worden, dann hätte uns das sehr erleichtert, uns hier heimisch zu fühlen.“

Von Martina Selzer

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