Joseph Haydn beim Festspiel-Eröffnungskonzert

Bei der Schöpfung kommt Freude auf

Bad Hersfeld. „…und hab’ auch d’ganze Nacht von der Erschaffung der Welt tramt“ (geträumt): Konzerteindruck eines Wiener Musikfreundes aus dem 19. Jahrhundert in der Mundart seiner Stadt. Kein Wunder, sonnt Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ sich doch seit der Premiere 1799 in immerwährender Beliebtheit.

Der weiterdenkende Zuhörer bemerkt zudem wohl, dass das textlich dem biblischen Schöpfungsbericht und John Miltons Epos „Paradise Lost“ nachgebildete Werk ja nicht nur auf die kreatürliche Erschaffung der Welt abhebt, sondern auch die wiederkehrende Erneuerung in Natur und Menschendingen feiert, den Frühling, die schöpferischen Geister der Kunst, das (wieder)erwachende Lebens- und Liebesgefühl.

Und jeder weiß, da kommt eben Freude auf. Kam auch am Maisonntagabend in der Stadthalle zur anlassgebundenen Erneuerung, dem Eröffnungskonzert der 61. Bad Hersfelder Festspielsaison. Mit Haydns genialem Alterswerk punktete der Chorverein zuletzt 2004.

Fugierte Jubelgesänge

Nun also wieder in nie übertriebener Großartigkeit von etwa 70 gut vorbereiteten, gut integrierten und konditionierten Chorstimmen – ein Plus im Sopran –, die die blockhaften wie fugierten Jubelgesänge zielstrebig aufbauten und in die grandiose Werkarchitektur einpassten.

Wohl auch dank des pädagogischen Waltens ihres Chorleiters Helgo Hahn, der obendrein die orchestral reichhaltige Mannschaft der Frankfurter Sinfoniker (bis hin zu Trompeten, Posaunen, Pauken und Kontrafagott) zu schwungvollem und immer wieder tonmalerischem Antrieb inspirierte.

Den dürfen sich nicht zuletzt die drei Vokalsolisten gefallen lassen, die Haydn verschwenderisch mit schönen Stellen versorgt. Schwelgen darf zumal die Sopranistin. Elsbeth Reuter führte als Erzengel Gabriel und Eva nicht nur vor, wie prachtvoll eine große Abendrobe in Grautönen sich ausnehmen kann, sondern auch, wie leicht man sich als vokales Federgewicht aus der Umklammerung „schwerer“ männlicher Stimmen befreit: eben mit den Waffen der lyrischen Koloratursopranistin. Als da sind: helles, feinkörniges Timbre, Agilität und Treffsicherheit der Koloratur samt einiger wohl kalkulierter Kadenzformeln, schließlich Projektionsvermögen, das bildhaft sogar den „reizenden Gesang“ der Nachtigall evoziert.

Spürbarer Überdruck

Norbert Schmittberg (Uriel) wartete mit energischem, robustem Tenor auf, musste gegen Ende aber bei der Erschaffung des Menschen („Mit Würd’ und Hoheit angetan“) kräftemäßig haushalten. Rolf A. Scheider formte die Basspartien des Raphael und Adam ebenmäßig und plastisch aus, konnte freilich, da die ganze Aufführung erst nach und nach viel Tempo aufnahm, wie seine Kollegen einem spürbaren Überdruck nicht ganz ausweichen.

Doch der muss vielleicht sein, um so viel affirmative Gestimmtheit zu erlangen wie an diesem traumhaften „Schöpfungs“-Tag in Osthessen. Üppiger Applaus aus dem großen Auditorium, dazu selbstverständlich Blumen für die Solisten und den Dirigenten

Von Siegfried Weyh

Kommentare