Wochenendporträt: Neuer Festspielintendant Dieter Wedel und seine Insel Mallorca

Die Schönheit wachküssen

Mallorca ist seine Wahlheimat: Wir trafen Dieter Wedel - wie gewohnt mit Sonnenbrille - im Hafen von Port Andratx, wo er seit 15 Jahren lebt. Der Ort zieht viele Prominente an, ist aber im November eher beschaulich. Foto: Janz

Port Andratx. Der Tag vor seinem 72. Geburtstag irritiert Dieter Wedel. So kennt er die Insel nicht, auch nicht im November. Von Westen zieht ein Unwetter über Mallorca, die Kanalisation kann die Wassermassen kaum aufnehmen. „Seit zwölf Jahren feiere ich meinen Geburtstag hier, es hat noch nie geregnet“, erzählt er, als der Sturm den Regen gegen die Kunststoffwand des Pavillons eines Cafés am Hafen peitscht.

Schlechtes Wetter hin oder her, der Filme- und Theatermacher sitzt gerne draußen. Mit dicker, dunkelblauer Strickjacke hält er es auch bei dieser Witterung lange aus. Die Sonnenbrille mit dem Goldgestell, sein Markenzeichen, hat er trotzdem dabei. Sie liegt neben dem Glas Latte Macchiato auf dem Marmortisch: „Ich wusste ja nicht, ob Sie mich ohne erkennen“, sagt Wedel. Es klingt nicht kokett.

Port Andratx, der Hafenort an der Westspitze der Baleareninsel, ist schon lange seine Heimat. Früher hat er sich für Monate ins Hotel zurückgezogen, um Drehbücher zu schreiben. „Der große Bellheim“ und andere Manuskripte sind so entstanden.

„Ich wollte nicht kaufen“, erinnert er sich, aber 1999 war es doch so weit. Weil er nicht gerne über Geld redet, haben damals andere für ihn mit dem Makler gehandelt. Ähnlich schwierig ist es für ihn, bei Sponsoren für seine Projekte zu werben. Trotzdem gelingt es ihm. Auch für die Bad Hersfelder Festspiele, für die er seit Ende September verantwortlich ist, hat er erste Zusagen.

In diesen Tagen arbeitet er unter Hochdruck an der Saison 2015. Zeit hat Wedel kaum. Ende November muss der Spielplan stehen, damit der Vorverkauf zum Weihnachtsgeschäft endlich beginnt. Wedel muss mit Schauspielern und Regisseuren reden, Verträge machen, und zugleich grundsätzliche Veränderungen angehen: „Warum sollte ich das aufschieben?“

Diese Woche hat er viel mit Hersfelder Politikern telefoniert: „Ich wünsche mir, dass die Festspiele mal drei Jahre ohne Parteiengezänk auskommen.“ Schon bei seiner ersten Pressekonferenz hat Wedel angekündigt, die Festspiele auf eine neue Basis stellen zu wollen. Eine gemeinnützige GmbH soll das Theaterfestival dem Reingerede der Politik entziehen.

Bad Hersfeld liegt Wedel am Herzen. Es erinnert ihn an Bad Nauheim, wo er aufgewachsen ist. Vor allem die Stiftsruine hat es ihm angetan: „Ich mache das überhaupt nur, weil ich diese Stiftsruine toll finde, weil sie eine schlafende Schönheit ist, die ich gerne wachküssen möchte“, sagt Wedel.

Nicht ständig in der Stadt

Ganz bewusst will er nicht so oft wie seine Vorgänger in Bad Hersfeld sein. Die Strukturen der Festspielverwaltung wurden entsprechend angepasst. Um das Alltagsgeschäft kümmert sich der neue kaufmännische Leiter Stefan Pruschwitz, mit dem Wedel schon bei den Nibelungenfestspielen in Worms zusammengearbeitet hat. „Aber zur Proben- und Festspielzeit bin ich natürlich da“, sagt Wedel, der dann wieder im Hotel wohnen wird.

Seine Villa in Port Andratx liegt oberhalb des malerischen Ortes, der so viele Prominente anzieht. „Ich kann in den Trubel runtergehen oder oben sitze und in Ruhe schreiben“, erzählt Wedel. Im November ist es aber eher beschaulich, wenn am Nachmittag die Fischerboote in den Hafen zurückkehren. „Ich habe einen Haufen Bücher und DVDs“, sagt Wedel, „da macht einem auch schlechtes Wetter nichts aus.“

Lange muss er es aber auch in dieser Woche nicht aushalten. Am nächsten Morgen, seinem 72. Geburtstag, strahlt wieder die Sonne. Wedels Irritation ist vorbei.

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