Die Johannes-Passion mit Siegfried Heinrich und dem Festspielchor in der Stadthalle

In Schönheit trauern

Der Bad Hersfelder Festspielchor und Virtuosi Brunensis brachten Karfreitag unter der Leitung Siegfried Heinrichs die Johannespassion in die Bad Hersfelder Stadthalle. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Als nicht geringste Wirkung der Passionsvertonungen Bachs darf gelten, dass sie uns die Trauerarbeit abnehmen. Wohin passt der am Bösen leidende und sterbende Gott? - diese Frage klärt in der Passion nach Johannes schon der Text des Eingangschores in der Art einer Devise: „…dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der größten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist.“ Wenn nicht durch ein wachsendes Gottesvolk verherrlicht, so doch durch eine unvergängliche Musik.

Tragik und Trauer

Tragik und Trauer werden durch sie in Trost und Lebenskraft verwandelt. Die johanneische Theologie durchwebt Bach mit Klängen von ausgesuchter Schönheit. Kein Takt, der nicht zum unverzichtbaren Steinchen dieses klingenden Mosaiks der Gottesverherrlichung würde. Siegfried Heinrichs Werkverständnis umgreift beide Aspekte: Er lässt die Musik reden, ja verkünden, und er lässt sie schwelgen. So wurde am frühen Karfreitagabend mit der Aufführung der Johannes-Passion BWV 245 in der Stadthalle Bad Hersfeld für nahezu 500 Menschen (Ausführende und Zuhörende) die Trauerarbeit zur Lebensermutigung. Die Musik hatte eine Botschaft, die Ohr, Verstand und Herz sättigte und auch im Applausverzicht Dankbarkeit weckte.

Heinrich weiß, dass ein solches Werk Erdung, Bodenhaftung, einen fachgemäßen Unterbau braucht. Er musiziert mit großer Chorbesetzung, und seine Sänger vom Hersfelder Festspielchor (samt Kollegen der Filialen Marburg und Frankfurt) lassen spüren, welche elementaren Wonnen tönender Verlebendigung hier jeder für sich selbst empfindet. Vom prächtigen Aufriss der Rahmenchöre über die mächtig aufgeladene Dramatik der Turbae (Chöre der Volksmenge) bis zum intensiven Zuspruch der Choralstrophen ein Fest der musikalischen Auslegung mit Präzision, Differenzierung und kaum Differenzen.

Differenzierung ist auch das Stichwort für den Instrumentalanteil. Den Virtuosi Brunenses gelingt ein herrlicher Farbauftrag mit Solopartien für Violine, Flöte, Oboe und die seltene Viola da gamba (Oxana Vasilková). Dazu das illustrative Continuospiel, besonders von Roxana Neascu (Cembalo im Quadergehäuse) und Markus Fischer (Orgelpositiv).

Unter den Gesangssolisten gebührt der erste Rang dem Leipziger Bassisten Sebastian Wartig für seine Arien-Vertrautheit und für eine ausgeglichene, balsamisch wohllautende Vokalsubstanz. Daniel Jenz (Hildesheim) verdient schon für die Energieleistung als Evangelist und Ariensänger Hochachtung. Er weiß mit sprachlicher Schärfung mehr als mit der noch etwas schmalen Tenorstimme immer wieder Impulse zu geben. Petteri Falck (Bass; Erfurt) lädt die hoheitsvollen Christusworte mit etwas zu starkem Vibrato auf.

Arien-Juwelen

Für Sopran und Alt hält die Partitur je zwei Arien-Juwelen bereit. Die jeweils kostbareren gelingen Christine Graham (Frankfurt) und Uta Runne (Berlin) besser: „Zerfließe, mein Herze“ der Sopranistin mit edlen, ruhigen Gesangsbögen, „Es ist vollbracht“ der Altistin in ebenmäßig schlankem Linienzug und knopfdruckgenauem Übergang in den raschen B-Teil „Der Held aus Juda siegt mit Macht“.

Von Siegfried Weyh

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