Eheleute verbrauchten 180 000 Euro der Tochter für sich selbst – Bewährungsstrafen

Schmerzensgeld veruntreut

Bad Hersfeld. „Mir war bewusst und später nicht mehr bewusst, dass das Geld für Natalie* war.“ Mit diesem auf den ersten Blick kryptischen Satz gestand der Angeklagte einen ungeheuerlichen Vorwurf ein: Er hatte 93 600 Euro veruntreut, die als Schmerzensgeld an seine Tochter gezahlt worden waren.

Die damals Siebenjährige war 1997 war nach einer Routineoperation an den Ohren am seinerzeitigen Kreiskrankenhaus Bad Hersfeld durch einen ärztlichen Kunstfehler in ein Wachkoma gefallen, in dem sie aller Wahrscheinlichkeit nach bis zu ihren Lebensende bleiben wird.

Tiefstes Bedauern

Während der heute 56 Jahre alte Vater den Anklagevorwurf von Staatsanwalt Harry Wilke gestern vor Amtsrichter Elmar Schnelle unumwunden und mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns einräumte, tat sich die 38-jährige Mutter damit etwas schwerer.

Sie hatte 2001 durch einen gerichtlichen Vergleich den gleichen Betrag überwiesen bekommen wie ihr damals bereits geschiedener Ehemann. Auch sie verbrauchte das Geld für eigene Zwecke, finanzierte damit zeitweise den Lebensunterhalt für sich und Natalies ein Jahr jüngere Schwester.

Auch Kindergeld kassiert

Die mittlerweile in Bebra wohnende Frau erklärte vor Gericht, sie sei davon ausgegangen, das Schmerzensgeld sei „für uns gewesen“, quasi als Entschädigung für den Verlust von Tochter und Schwester.

Nicht Gegenstand der Anklage, aber bezeichnend war die Tatsache, dass die Mutter bis Mai vergangenen Jahres auch noch das Kindergeld für die in einer Pflegeeinrichtung liegende Tochter bezog. Dass sie diesen Umstand der Familienkasse hätte mitteilen müssen, habe sie „nicht gewusst“.

Ihr in Wildeck beheimateter Ex-Mann, der heute in einem Logistikbetrieb arbeitet, versuchte sein Fehlverhalten mit psychosomatischen Störungen und Alkoholproblemen zu erklären. „Ich bin damals in ein Loch gefallen,“ sagte er.

So habe er das Schmerzensgeld zunächst noch gedrittelt und in Sparbriefen für beide Töchter angelegt, doch nach und nach ging es für den Lebensunterhalt des zeitweiligen Hartz IV-Empfängers drauf.

„Das ist nicht zu entschuldigen.“

nATALIES vATER

Am Ende waren gerade noch 14 000 Euro vom Sparbrief der jüngeren Tochter übrig. „Das ist nicht zu entschuldigen,“ sagte der Vater, der momentan immerhin mit geringen Ratenzahlungen symbolische Wiedergutmachung leistet.

Natalies Mutter machte dagegen vor Gericht den Eindruck, dass sie bis heute mit dem Schicksal ihrer Tochter nicht zurechtkommt. Die Frau, die als Spielhallen-Aufsicht im Drei-Schichten-Betrieb arbeitet, brach immer wieder in Tränen aus und benötigte schließlich sogar ärztliche Hilfe, um die ohnehin schon auf das Nötigste beschränkte Verhandlung bis zum Ende durchzustehen.

„Die Tragik liegt beim Kind“, stellte Richter Schnelle fest, nachdem er beide Angeklagte – wie von Staatsanwaltschaft und Verteidigung nahezu einmütig beantragt – wegen Untreue zu jeweils zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt hatte.

Beide Strafen werden jedoch für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Als Auflagen wurden für den Vater eine Buße von 300 Euro plus 200 Stunden gemeinnützige Arbeit, für die Mutter ein Geldbetrag von 1800 Euro verhängt.

Schon gestraft genug

„Hat sich jemand überhaupt etwas dabei gedacht?“ fragte der Richter mit Blick auf die Angeklagten und warf ihnen „zu wenig Verantwortungsbewusstsein“ vor.

Andererseits – darauf hatte Staatsanwalt Wilke hingewiesen – seien die Eltern durch die Krankheit der Tochter schon genug gestraft.

* Name geändert

Von Karl Schönholtz

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