Häufig führt Einsamkeit im Alter zur Alkoholsucht – Spezielle Anlaufstellen in der Region können helfen

Schluck für Schluck in die Isolation

Heike Hinz

Hersfeld-Rotenburg. Wenn gefeiert wird, darf es auch mal ein Glas Bier oder Sekt sein. Alkohol gehört zum gesellschaftlichen Leben dazu. Doch wenn Alkoholgenuss zum Trost wird, entwickelt sich eine Sucht. „Alle Probleme verschwinden für eine Zeit“, sagt Franz Reisinger, der seit zwölf Jahren ehrenamtlich in der Suchtberatung im Kreis Hersfeld-Rotenburg tätig ist. Älteren Trinkern ginge es häufig darum, die Einsamkeit zu verdrängen. Und die sei gerade im Alter sehr ausgeprägt.

Der Verlust des Partners und eine Familie, die weit weg lebt, könnten die Flucht in den Alkohol fördern. Man könne aber die Schuld nicht auf das Umfeld abwälzen. „Nur der Betroffene entscheidet, ob er trinkt oder das Glas stehen lässt“, sagt Franz Reisinger, der sein eigenes Alkoholproblem vor 15 Jahren bewältigt hat.

Neue Aufgaben finden

Nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben fielen viele Menschen in ein Loch. Davor habe man jeden Tag etwas zu tun gehabt. Nun bliebe nur noch freie Zeit übrig. „Man hat nichts mehr zu tun und auch nicht mehr das Gefühl, gebraucht zu werden“, erzählt der 67-Jährige. Deshalb sei für Senioren eine ehrenamtliche Aufgabe oder ein Hobby wichtig.

Auch Dr. Heike Hinz, Chefärztin der Klinik Wigbertshöhe in Bad Hersfeld und Richelsdorf in Wildeck, hilft Senioren, das Glas stehen zu lassen.

„Es geht darum, neue Interessen zu finden. Deshalb machen wir mit unseren Patienten Ausflüge, gehen schwimmen oder ermutigen sie zu ehrenamtlicher Arbeit“, sagt Hinz. Ein Alkoholproblem im Alter sei nichts Neues. „Getrunken haben die älteren Menschen schon immer, aber früher hat man noch gesagt, lass’ doch dem Opa sein Bier. Heute sei das anders. „Das ist positiv. Die Menschen sind aufmerksamer geworden“, beschreibt Heike Hinz die Veränderungen.

Tabletten für den Schlaf

Alkoholabhängige im Seniorenalter benötigten eine erhöhte Medikamentendosis. Denn der Körper älterer Menschen könne den Alkohol nicht mehr so schnell abbauen und auch das Gehirn reagiere sensibler auf alkoholische Getränke. Ältere Trinker könnten deshalb schlecht schlafen und müssten Beruhigungstabletten nehmen. Die Kombination aus Tabletten und Alkohol mache aber zusätzlich schwach und krank. „Wir hatten mal eine Patientin hier, die hat ihre Sucht in den Griff bekommen und deshalb keine Medikamente mehr gebraucht“, berichtet Heike Hinz. Danach seien auch die bisher von der Seniorin genutzten Krücken überflüssig gewesen.

Einer Behandlung der Alkoholsucht steht jedoch häufig Scham im Weg. „Manchmal wollen auch die Angehörigen das Problem nicht wahrhaben. Das ist ein Selbstschutz“, sagt Christa Tschan vom Beratungs- und Behandlungszentrum für Abhängigkeitserkrankungen. Doch bei häufigen Stürzen und Verletzungen sollte die Familie wachsam sein und handeln.

Denn eine Behandlung lohnt sich auf jeden Fall, ist Franz Reisinger überzeugt: „Mir ging es noch nie so gut wie jetzt“.

Von Magdalena Dräger

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