Im ältesten Studentenheim Deutschlands in Marburg wohnt ein Bad Hersfelder

Schlossherr mit Pflichten

Dominik Teminski und „sein“ Haus in Marburg: Der Hersfelder Theologiestudent nutzt ein Jahrhunderte altes Wohnrecht im urigen Heim. Foto: Coordes

marburg/Bad Hersfeld. Das Wohnrecht des Marburger Theologiestudenten Dominik Teminski ist ein Jahrhunderte altes Relikt: Seine Heimatstadt Bad Hersfeld hat den 25-Jährigen bei der Hessischen Stipendiatenanstalt „präsentiert“. Deshalb konnte der sozial engagierte junge Mann eines der begehrten Zimmer in dem Studierendenwohnheim neben dem Marburger Landgrafenschloss ergattern. Er zog allerdings nicht in die Bude mit der Aufschrift „Bad Hersfeld“ – sie war schon belegt. „Zierenberg“ steht auf seiner Zimmertür.

Die Namen rühren noch aus der Zeit, als Landgraf Philipp die Stipendiatenanstalt gründete. Das Collegium Philippinum, wie die Unterkunft auch heißt, ist nämlich das älteste evangelische Studierendenwohnheim Deutschlands. Um möglichst viele protestantische Pfarrer, Lehrer und Ärzte auszubilden, wurden hier begabte, aber mittellose Landeskinder gefördert.

Finanzieller Beitrag

Dazu mussten die Städte, denen säkularisierte Kirchengüter zugeschlagen worden waren, einen finanziellen Beitrag leisten. Im Gegenzug durfte jede der damals 60 hessischen Städte einen oder mehrere talentierte Stipendiaten schicken, die dann freie Kost und Logis genossen.

Das alte Präsentationsrecht gilt im Grunde bis heute. Dominik Teminski musste sich beim Hersfelder Bürgermeister Hartmut H. Boehmer vorstellen, den er offenbar mit seinem Engagement als Nachhilfelehrer für ausländische Kinder überzeugte.

Der 25-Jährige, der auch boxt und Handball spielt, will Pfarrer werden. Er ist begeistert von der „einmaligen Atmosphäre“ im ehemaligen Marstall und Zeughaus des Marburger Schlosses.

Mit Teminski schickte Bad Hersfeld erstmals nach vielen Jahren wieder einen Stipendiaten. Von den heute 27 kurhessischen Präsentationsstädten nutzen nämlich nur wenige die günstigen Schlossbehausungen. Unter den 39 Bewohnern des ungewöhnlichen Wohnheims sind aktuell nur noch drei, die auf diese Weise einziehen durften. Alle anderen wählte die Hausversammlung aus.

Soziales Engagement

Das 480 Jahre alte Präsentationsrecht kombiniert die Stipendiatenanstalt heute mit Selbstverwaltung. Vor allem nach sozialem Engagement werden die Bewohner ausgesucht. Das Wohnheim hat nämlich nicht nur eine Top-Lage und für 88 bis 146 Euro monatlich außerordentlich billige Zimmer, sondern auch ein sehr reges Hausleben. Im Semester gibt es ein gemeinsames Mittagessen. Jeder Studierende übernimmt soziale Aufgaben. So kümmert sich Teminski um die Pflege des Paradiesgartens, eines kleinen, nur für die Stipendiaten erreichbaren Gartens am Schloss. Andere übernehmen Müll- und Tischdienste. Die Hausversammlung an jedem Montag ist Pflicht. Regelmäßig gibt es Exkursionen, Andachten und Vorträge.

Finanziert wird die Einrichtung durch die evangelischen Landeskirchen, die Universität und die Beiträge der Präsentationsstädte. Allerdings muss man kein Protestant sein, um einziehen zu können. Nur sechs der 39 Bewohner studieren Theologie.

Allzu nobel sollte man sich das Wohnen im früheren Marstall des Schlosses übrigens nicht vorstellen: Es gibt drei Doppelzimmer, renovierungsbedürftige Bäder auf dem Flur und zugige Fenster. Und manche Zimmer sind so schief, dass sich kaum ein Bild gerade aufhängen lässt. Dafür können die Studierenden in einer alten Bibliothek schmökern.

Weitere Informationen: www.uni-marburg.de/stipe

Von Gesa Coordes

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