Mit dem Schleppnetz auf Stimmenfang

Karl Schönholtz

Im Kreistag Hersfeld-Rotenburg ist gerade zu besichtigen, wie sich die Kommunalpolitik, so wie sie all die Jahre bei uns betrieben wurde, selbst abschafft: Die kollektive Unfähigkeit, mit einem Thema wie der Windkraft, das die Bürger (und Wähler!) immer stärker beschäftigt und besorgt, adäquat umzugehen, kam einem Offenbarungseid nahe. Erbärmlicher Streit um Formalien, zwei nach Motto „Wie du mir so ich dir“ gescheiterte Dringlichkeitsanträge und damit Vertagung der Diskussion auf den Sankt Nimmerleinstag, denn bis zur nächsten Sitzung sind die relevanten Fristen längst abgeleaufen.

Nix gelernt also aus dem Eiertanz der Bad Hersfelder Stadtverordneten, nix gelernt aus den Hilfeschreien aus den Gemeinden, die sich von Investoren drangsaliert und von Windmühlen umzingelt fühlen. Wo war im Kreistag die diplomatische Stimme, die mittels einer Sitzungsunterbrechung einen Kompromiss initiiert? Nicht zu hören. Stattdessen in den nächsten Tagen als Bekräftigung der politischen Weltfremdheit zwei Pressemitteilungen, in denen Rechthaberei und Gezänk seitenlang fortgesetzt werden. Beide Texte haben wir unseren Lesern erspart und in den Papierkorb geworfen.

Wer Politik als Selbstzweck missversteht, der darf sich nicht wundern, wenn sich die Menschen abwenden und dort zusammenfinden, wo sie sich verstanden fühlen – mit allen Gefahren und Konsequenzen. Denn vielleicht sind es schon bald nicht nur die „Fischer vom rechten Rand“, die hier vereinzelte Gleichgesinnte finden, sondern Populisten, die mit dem Schleppnetz auf Stimmenfang gehen können.

Von den noch etablierten Parteien soll dann aber keiner sagen, das habe man nicht gewollt oder das sei nicht absehbar gewesen.

Von den Bad Hersfelder Festspielen ist nicht nur zu hören, dass jetzt für alle Produktionen fleißig geprobt wird und dass der Vorverkauf erfreulich gut läuft, sondern auch, dass es die Hersfelder selbst wieder einmal schaffen, ihrem Städtchen eine Atmosphäre zu verleihen, die auch prominente Mitwirkende als besonders und angenehm empfinden. Erkannt und freundlich angesprochen zu werden, das ist nämlich den meisten Mitwirkenden nicht lästig, sondern wird als Zeichen verstanden, dass sie in Bad Hersfeld willkommen sind. Und das ist ja auch so.

Dem politischen Bad Hersfeld steht im Übrigen eine spannende Woche bevor: Im Sozialausschuss steht am Dienstag der im vergangenen Jahr bereits beerdigte Lullus-Sportpark wieder auf der Tagesordnung und am Tag darauf beschäftigt sich der Bauauschuss mit dem geplanten neuen Einkaufsznetrum im Rechberggelände – was wohl nicht ganz unproblematisch ist. Beiden Vorhaben gemein ist eine gewisse Signalwirkung für die weitere Entwicklung der Stadt.

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