Festspielkonzerte: Bosch-Sinfonieorchester gastierte mit Mendelssohn in der Stiftsruine

Schicksal in Tönen

Das Bosch-Sinfonieorchester Stuttgart und der Bosch-Chor gestalteten die Festspielkonzerte am Samstag und Sonntag in der Stiftsruine. Foto: von Trott

BAD HERSFELD. Als Piotr Iljitsch Tschaikowski im Jahr 1877 seine vierte Sinfonie f-Moll op. 36 komponierte, bedeutete Leben noch nicht Feiern und Reisen, Vergnügen und Genuss, sondern harten Schicksalskampf. „Lebensschicksal“, die schier untrennbare Wortverknüpfung als Zeichen von Verhängnis und Unentrinnbarkeit. Tschaikowski benutzte mit Bezug zur Vierten den lateinischen Begriff „fatum“. Und er, der in 53 Lebensjahren das Schicksal wirklich erlitt, wollte es in seinem Werk gestalten - bis zum Finale der Sechsten, in dem die Musik kampfes-, lebens-, todesmatt verröchelt. Hier, im Finale der Vierten, führt er noch in beinahe orgiastischer Überanstrengung den Triumph herbei.

Sie hätte im Sonntagsprogramm der Festspielkonzerte 2013 ans Ende gehört. Doch stand sie am Beginn, und die etwa 300 Zuhörer wurden sofort hineingezogen in diesen Schicksalskampf, diese Schicksalsbegeisterung.

Beeindruckende Atmosphäre

Was dem Bosch-Sinfonieorchester Stuttgart zumal im fast 20-minütigen Kopfsatz mit seinen mächtigen Steigerungszügen und verlöschenden Abschwüngen noch fehlte – die geheimnisvoll gleitenden Übergänge, die raunende Untergründigkeit –, das glich die Stiftsruine aus, deren sommerluftdurchströmte steinerne Erhabenheit die Aufführung bis hin zu leiser Bedrohlichkeit mittrug.

Doch wie schon in früheren Jahren ein großes Lob den musizierenden Doppelberuflern, deren Haupterwerbstätigkeit ja einem Industrie-Weltkonzern gilt. Sie leben einen Großteil ihrer Kennerschaft und Begeisterung im Orchester aus. Ihnen gelingt damit sicherlich mancher Erfolg in der Lebensmeisterung heute. Zudem haben sie in dem erfahrenen Ulrich Walddörfer einen zwischen Werk und Wiedergabe wach- und antriebsam vermittelnden Dirigenten.

Der wollte in Felix Mendelssohns Chorballade „Die Erste Walpurgisnacht“ op. 60 natürlich auch seine knapp 100 Bosch-Chorsänger zur Geltung bringen. Diese Musik, schon im Samstagskonzert zu hören und ebenso vor einem Jahr in einem Dresdner Gastkonzert, kann trotz wirkungsvoller Klangdetails à la „Sommernachtstraum“ nicht verleugnen, dass sie doch eher gelegenheitsmäßig am Text der Goethe-Ballade entlangkomponiert wurde.

Entfaltungsmöglichkeit

Gleichviel: Orchester und Chor konkurrierten in differenziertem Wettstreit miteinander und ließen auch den drei (statt vier) Vokalsolisten Carmen Mammoser (Alt), Roger Gehrig (Tenor) und Andreas Großberger (Bass) ihre von der Komposition her knapp bemessene Entfaltungsmöglichkeit.

Von Siegfried Weyh

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