Das Tagebuch der Anne Frank: Stehende Ovationen für Maddalena-Noemi Hirschal

Nur das Schauspiel zählt

Reduziert auf das Wesentliche: Die Festspiel-Inszenierung „Das Tagebuchs der Anne Frank“ beeindruckt durch schauspielerisches Können. Neben den Aufführungen in der Martinskirche ist auch eine Tour durch hessische Schulen geplant. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Für die Realisierung einer Festspielproduktion wie „Das Tagebuch der Anne Frank“ bedarf es einer gehörigen Portion Mut. Ausgeklügelte Musikeffekte, spektakuläre Kostümwechsel oder gar die Interaktion mit den Mitspielern sucht man hier vergebens. Stattdessen kommt „Das Tagebuch der Anne Frank“ leise daher, einfach und ernst.

Die Hauptdarstellerin Maddalena-Noemi Hirschal spielt die 15-jährige Anne Frank mit einer Intensität, die beeindruckt. Souverän trägt sie das Stück über anderthalb Stunden, ganz allein, reduziert auf ihr schauspielerisches Können.

Martinskirche als Bühne

Wie ein Fremdkörper hebt sich eine karge, zwei Etagen hohe Metallkonstruktion vor den bunten Fenstern der Bad Hersfelder Martinskirche ab. Sparsam dosiertes, kaltes Neonlicht kontrastiert die Metallstreben. Fast beklemmend ist das Gefühl für den Zuschauer, aber genau das ist gewollt: Die Enge, die Anne Frank, versteckt im Hinterhaus in Amsterdam, ertragen musste, wird plötzlich real. Den wenigen Platz, den ihr die provisorische Bühne lässt, nutzt Maddalena-Noemi Hirschal dagegen virtuos: Jede Bewegung ist durchdacht, jeder Schritt auf den schmalen Stiegen zwischen den einzelnen Ebenen wohlgesetzt.

Neben einem Tagebuch finden sich auf den zwei Etagen noch acht Stühle. Jede dieser Sitzgelegenheiten wurde um das Jahr 1940 gefertigt und steht symbolisch für einen Bewohner des Amsterdamer Hinterhauses. So streitet sich Maddalena-Noemi Hirschal als Anne Frank leidenschaftlich mit der ungeliebten Mutter, diskutiert mit dem Zahnarzt Albert Dussel oder moniert sich über die spießige Frau van Daan. Sie räsoniert über ihre Familie, macht sich Gedanken über ihre Zukunft als Schriftstellerin oder unternimmt erste Annäherungsversuche an den mitversteckten Peter van Daan.

Gerade diese scheinbare Alltäglichkeit ist es, die das Publikum bedrückt zurücklässt. Maddalena-Noemi Hirschal legt ihre Anne Frank als hoffnungsvolles, starkes und lebenslustiges Mädchen an. Den eigenen Tod scheint sie trotz der Enge der Gefangenschaft zu keiner Zeit in Betracht zu ziehen.

Stehende Ovationen

Als Heinrich Cuipers aus den Publikumsreihen das tragische Ende Anne Franks im Konzentrationslager verliest, hat nicht nur die Hauptdarstellerin Tränen in den Augen. Das Premierenpublikum applaudiert minutenlang, um dann die herausragende Leistung Maddalena- Noemi Hirschals mit stehenden Ovationen zu würdigen.

Von Emily Spanel

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