250 Dinge (168): Die alte „Geistervilla“ am Weinberg im Bad Hersfelder Kurpark

Schaurig und sehr schön

Ein Ort nicht ganz von dieser Welt: Die alte „Geistervilla“ Am Weinberg im Bad Hersfelder Kurpark verfällt leider immer mehr. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Die berühmteste Ruine Bad Hersfelds steht zweifellos im Stiftsbezirk. Seit vielen Jahren ziehen dort jedes Jahr Theater und Oper ein und es geschehen Wunder und Tragödien. Die vielleicht zweitbekannteste Hersfelder Ruine steht ein paar hundert Meter entfernt im Kurpark. Oper und Theater sind in der ruhigen Wohngegend weit weg und seit vielen Jahren geschieht: gar nichts.

Ambivalenter Ort

Die sogenannte „Geistervilla“ am Weinberg 13 ist ein ambivalenter Ort. Anders als die Stiftsruine ist das Haus mit Jugenstilbalkon keine gewollte Bruchbude. Der altrosa Prachtbau von 1909 verfällt unter dem zunehmenden Bedauern der Hersfelder. Insolvenzverfahren, Zwangsversteigerungen und wechselnde Eigentümer haben aus der ehemaligen Großbuchhandlung ein Sorgenkind der Stadtverwaltung mit bröckelndem Putz und zersplitterten Fenstern gemacht.

Bei den Sanierungsplänen für das marode Gebäude ist so viel schief gegangen, dass inzwischen selbst das Hersfelder Bauamt von einem Fluch spricht.

Das Haus gehört zurzeit einem Eisenacher Unternehmer, der immer noch beteuert, edle Wohnungen schaffen zu wollen. Doch dieses Versprechen steht schon seit fünf Jahren und bis auf ein paar geschnittene Äste ist nichts geschehen.

Trotz allem ist die überwucherte Villa ein fast magischer Ort. Zwischen Teppichfetzen und Schutthaufen lässt sich im Inneren noch die Schönheit der alten Stuckdecken erahnen. Möbelteile und Kronleuchterscherben reizen zur Gedankenzeitreise, die mit ächzenden Türen und knarrenden Stufen vertont wird. Und selbst mit arg zerzauster Gestalt hat das Gebäude am Hang etwas Erhabenes, einen morbiden Charme neben dem praktischen Mehrfamilienklotz auf dem Nachbargrundstück.

Es gibt wohl kaum jemanden, der beim Vorbeispazieren oder der heimlichen Besichtigung der Ruine nicht einen „Das-müsste-man-damit-machen“-Gedanken hatte. Und deshalb ist die Geistervilla auch ein begeisternder Ort, den man mögen kann: Weil man die Ruine im Kopf wieder aufbaut und seine ganz eigene Architektenphantasie bemüht.

Das denkmalgeschützte Haus ist ein Ort nicht ganz von dieser Welt. Doch es wäre zu wünschen, dass Menschen mit Tatkraft und einem Gespür für vorsichtige Veränderung es wieder in diese Welt zurückholen.

Von Saskia Trebing

Kommentare