Außergewöhnliche Funde bei den Ausgrabungen am Bad Hersfelder Kirchplatz

Schatzsuche im Uralt-Klo

Diese ehemalige Zisterne am Bad Hersfelder Kirchplatz erwies sich für den Archäologen Dr. Jürgen Kneipp (vorne) als wahre Schatzgrube. Helga Völker (Kirchenvorstand), Horst Gerlich (Stadt Bad Hersfeld) Dekan Ulrich Brill, Alexander Reitz (Geschäftsführer Gesamtverband), Johannes van Horrick (Untere Denkmalbehörde) und Architekt Frank Dorbritz (von links) freuen sich mit. Fotos: Schönholtz

Bad Hersfeld. Als „außergewöhnlich“ bezeichnet der Archäologe Dr. Jürgen Kneipp die Funde, die er und seine Mitarbeiter auf der Baustelle für das neue evangelische Gemeindezentrum am Bad Hersfelder Kirchplatz ausgegraben haben.

Nicht nur die Vielzahl der Kacheln, Töpfe, Gläser, Dauben und Tierknochen, die sich im Boden beziehungsweise in einer ehemaligen Zisterne befanden, überraschte Kneipp & Co, sondern vor allem die Qualität. „Wir haben neben den üblichen Scherben eine ganze Reihe vollständig erhaltener Gegenstände entdeckt“, erklärte der Projektleiter aus Fritzlar jetzt während einer Besichtigung der Grabungsstätte.

Die Vergangenheit sichern

Kneipp ist am Kirchplatz im Auftrag des Gesamtverbandes der evangelischen Kirchengemeinden in Bad Hersfeld tätig, der damit einer Auflage des Landesamtes für Bodendenkmalpflege in Marburg nachkommt. Denn bevor an dieser Stelle neu gebaut werden kann, müssen auf historischem Grund erst einmal die Relikte der Vergangenheit gesichtet und gesichert werden.

Die Archäologen hatten dabei das große Glück, dass die freigelegte Zisterne im Laufe der Zeit nicht mehr für ihren ursprünglichen Zweck als Wasserspeicher, sondern als Latrine genutzt wurde. Im jahrhundertealten Fäkalschlamm haben sich sogar organische Stoffe, wie eben beispielsweise die Holzdauben von Schüsseln oder auch Obstkerne, erstaunlich gut erhalten.

Die Zisterne ist nach Kneipps Einschätzung im späten 13. Jahrhundert gebaut worden. Als Abort wurde sie dann im Spät-Mittelalter, also etwa ab Mitte des 15. Jahrhunderts genutzt.

Was aus wissenschaftlicher Sicht ein Segen ist, verlangt den Ausgräbern bei ihrer Arbeit jedoch allerhand ab: Auch historische Fäkalien stinken nicht anders als neuzeitliche.

Die neben der Zisterne im Boden entdeckten Kacheln sind für die Archäologen ebenfalls von besonderem Interesse: Durch stilistisch prägnante Motive und Verzierungen lassen sie sich teilweise bereits bekannten Künstlern zuordnen, die einst in der Stadt gearbeitet haben.

Der Neubau des Gemeindezentrums wird die Schätze aus dem Grund, auf dem er eines Tages stehen wird, nicht ignorieren. „Wir wollen die wertvollsten Fundstücke angemessen präsentieren und auch den Standort der Zisterne auf dem Fußboden kenntlich machen“, erklärte Alexander Reitz, Geschäftsführer des Gesamtverbandes.

Auch die Idee, die Ausgrabungen im Neubau durch Fotos oder Video zu dokumentieren, fand solgleich den Beifall von Dekan Ulrich Brill. Lokalseite 11

Von Karl Schönholtz

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