Wenn Musikhits die Handlung in den Schatten stellen – „Chess“ in der Stadthalle

Schachmatt für das Musical

Schwungvoll: Mit „One Night in Bangkok“ heizte das Ballett zu Beginn des zweiten Aktes dem Publikum ein. Foto: Schmidl

Bad Hersfeld. Schach, das königliche Spiel, fasziniert seit Jahrhunderten. „Chess“, das Musical, greift die Geschichte zweier rivalisierender Schachchampions auf, würzt es mit einer Liebesgeschichte, psychologischen Verwirrspielen und dem Ränkeschmieden zwischen Russen und Amerikanern im kalten Krieg. Seit 1984 wurde die Story mehrfach überarbeitet, die Handlung gekürzt, die gewollte Parallele zum Kalten Krieg verlor an Bedeutung. Undurchsichtig und unnötig kompliziert ist die Handlung des Musicals, die dem großen Durchbruch im Wege stand.

„Das begreife ich heute nicht mehr“, bedauerte auch eine treue Theaterbesucherin in der ausverkauften Stadthalle. Die Musik des Musicals wurde von Benny Andersson und Björn Ulvaeus, den männlichen Mitgliedern der schwedischen Popgruppe ABBA, komponiert. Da ist von Klassik bis zur Rockmusik und dem leichten Pop-Sound von ABBA einfach alles drin.

Die Komposition zu „Chess“ wird von vielen zu den besten gezählt, die das Musical-Theater je hervorgebracht hat. Auch die Koproduktion des polnischen Musicaltheaters Gdynia hat alles, was ein tolles Musical ausmacht.

Überdimensionert

Das Bühnenbild mit dem überdimensionalen Schachfeld, die perfekt abgestimmten Kostüme, das Ballett und der Chor mit mitreißenden Ensemblenummern und vor allem das hochkarätige Orchester unter der musikalischen Leitung von Dariusz Rozankiewicz sind vom Feinsten.

Die Hauptrollen sind mit Marion Musiol als Florence Vassy und Karim Khawatmi als Schachweltmeister Anatoly Sergievsky bestens besetzt. Jerzy Michalski als arroganter, egozentrischer Amerikaner namens Frederick Trumper konnte als Rockröhre nicht hundertprozentig überzeugen, dafür punktete Lukasz Dziedzic als Alexander Molokov.

Musikalische Höhepunkte waren die vielen Soli der Hauptakteure, besonders der von Karim Khawatmi intensiv interpretierte Song „Anthem“ über Vaterlandsliebe hatte Gänsehautpotential. Beim Duett „I Know Him So Well“ lieferten Marion Musiol und Karolina Trebacz als Svetlana Sergievskaya ein harmonisches Frauenduo ab.

Alle Hits dabei

Dieses Lied wurde unabhängig von „Chess“ ebenso ein Hit wie „One Night in Bangkok“, der wie alle Titel im englischen Original gesungen wurde. Obwohl die Texte von Tim Rice in Deutsch übersetzt wurden, konnten viele Besucher der komplexen Handlung, die „einer Collage gleicht“, nicht folgen.

Die Liebe eines Mannes und einer Frau, die versuchen, sich im Kräftespiel der Mächtigen zu behaupten, bleibt letztendlich auf der Stecke ebenso wie die Gefühlswelt in diesem Musical. Die an sich stimmige Produktion honorierte das Publikum mit lang anhaltendem, herzlichem Applaus.

Von Gudrun Schmidl

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