Interview mit Stefan Huber, der bei den Hersfelder Festspielen „Anatevka“ inszeniert

Ruine nicht „austricksen“

„Anatevka“ war 1985 nicht das allererste Festspiel-Musical, aber der erste Riesen-Erfolg für das Genre auf der Bühne der Stiftsruine. Das lag zum einen an der schwungvollen Inszenierung von Karl Vibach, zum anderen am „Tevje“-Darsteller, dem unvergessen Wolfgang Reichmann (2. von rechts). In den beiden folgenden Jahren wurde das Stück wieder aufgenommen. Foto: Archiv

Bad Hersfeld. Mit „Anatevka“ kehrt in diesem Jahr erstmals ein Musical-Hit der Bad Hersfelder Festspiele in einer Neubearbeitung auf die Bühne der Stiftsruine zurück. Regie wird Stefan Huber führen, der „Anatevka“ 1995 schon einmal inszeniert hat. Wir sprachen mit dem Regisseur.

Herr Huber, wenn Sie sich heute mit „Anatevka“ beschäftigen – finden Sie etwas Neues darin?

Stefan Huber: Damals hatte mich vor allem das Kennenlernen und die detailgetreue Erforschung eines anderen Kulturkreises interessiert. Ich hatte mich davor intensiv mit dem Ostjudentum auseinander gesetzt und versucht, ein möglichst authentisches Gesellschaftsbild zu zeichnen. Heute suche ich mehr das Allgemeingültige in dieser Geschichte: Themen wie „Fremd sein in der Heimat“ oder das Verschwinden von Werten und Traditionen, die daraus resultierende Orientierungslosigkeit oder sich öffnenden neuen Perspektiven. Themen, die uns in unserer Welt tagtäglich begegnen.

Was gefällt Ihnen als Regisseur an „Anatevka“? Was fordert Sie daran heraus?

Huber: „Anatevka“ gehört mit Sicherheit zu den besten Musicals überhaupt: Ein äußerst gut gebautes Libretto mit großartigen Charakteren und witzigen Dialogen trifft auf eine ehrliche, gefühlvolle und vitale Musik. Die Herausforderung liegt heute darin, zu zeigen, dass weder die Geschichte noch die Songs verstaubt sind, sondern so direkt, so emotional und so heutig erscheinen können, wie manche moderneren Musicals es gerne wären.

Es ist eine Geschichte aus einer anderen Zeit mit anderen Problemen als die, die wir heute haben, könnte man denken – stimmt das oder ist es ein Irrtum?

Huber: Die Geschichte spielt in einer Zeit, als Europa vor einschneidenden Veränderungen stand. Revolutionen, Wirtschaftskrisen, Migration und gesellschaftlich-kulturelle Verschiebungen verunsicherten die Menschen überall. Kommt uns das heute nicht bekannt vor? Damals führte all dies unter anderem zu verheerenden Kriegen in Europa. Gründe genug, sich heute davon angesprochen zu fühlen und darüber nachzudenken, wie wir heute damit umgehen.

Was erwartet uns im Sommer 2012 in Bad Hersfeld?

Huber: Ohne das Stück willkürlich in eine andere Zeit zu versetzen, möchte ich mit meinem Team versuchen, sie nicht altbacken oder gar museal erscheinen zu lassen. Dafür ist der Stoff zu aktuell und verträgt eine heutige Herangehensweise durchaus.

Fast jeder denkt an „Wenn ich einmal reich wär’...“, wenn man über das Musical spricht. Ist es auch Ihr Lieblingssong aus dem Musical?

Huber: Nebst seiner eingängigen Melodie erreicht uns der Song durch den offen ausgesprochenen Wunsch nach einem materiell unbeschwerten Leben; eine Sehnsucht, die wohl in jedem von uns schlummert. Außerdem gibt es in „Anatevka“ viele weitere großartige Melodien, so dass es schwer fällt, eine davon zum Lieblingssong zu machen. Das „Sabbath-Gebet“ mit seiner sehnsuchtsvollen Melodie und der Bitte um Schutz und Frieden berührt mich allerdings immer ganz besonders.

Sie haben die Hauptrolle mit Michael Schanze besetzt. Wir kennen ihn als Schlagersänger, Schauspieler, TV-Moderator für Alt und Jung. Wir fragen mal ganz provokant: Kann der das überhaupt?

Huber: Und ob er das kann! Michael hat die besten Voraussetzungen, diese universale Figur zu verkörpern, eine Figur, die das Komische mit dem Tragischen vereint, die das Publikum an der Hand nimmt und gleichzeitig vom Schicksal „geschüttelt“ wird. Und nicht zuletzt eine Figur, die bis zur Selbstaufgabe mit sich und seiner Familie um ein bisschen Glück im Leben ringt.

„Anatevka“ in der Stiftsruine, ist das eine besondere Herausforderung?

Huber: Nachdem ich schon einige Open-Air-Produktionen gemacht habe, bin ich sehr gespannt auf Bad Hersfeld, wo jedes Team vor die Frage gestellt wird: Wie setzt man ein Stück in diesem gewaltigen und dominierenden Raum der Stiftsruine um? Sicher ist das eine Herausforderung, aber eine, der man sich gerne stellt, wenn man weiß, dass man den Raum als solches annehmen muss, sich von seiner Wirkung inspirieren lässt und nicht versucht, diese „auszutricksen. (red/ks)

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