Wo Luther einst predigte, erinnern Redner 490 Jahre später an sein Wirken

Die Ruine ersteht auf

Hallo mit schwenkenden Fahnen: In Leinenhemdchen und bunten Strickkleidern begrüßten die Kinder mehrerer evangelischer Kindergärten die Gäste im Spätmittelalter. Foto: Konopka

Bad Hersfeld. Ein Klavier, ein Rednerpult, ein paar Fackeln: Mehr Requisiten hat es nicht gebraucht, um das Festival der Reformation in Bad Hersfeld feierlich zu eröffnen. Denn die voll besetzte Stiftsruine war am Freitag ihr eigenes Bühnenbild.

Dort, wo Luther vor 490 Jahren gepredigt haben soll, predigen die Redner Gedenken und Umdenken: Wie hat es einst Luther getan? Die Stiftskirche von damals, ja, sie hat sich seit dem Besuch des Reformers verändert. Das Dach thront nicht mehr auf den Mauern der Schiffe, über den Altarraum kreisen zwitschernde Vögel.

Doch die Atmosphäre in den geschichtsträchtigen Mauern hat überlebt, sagt Ruth Wagner: „Eine wunderbare Kirche, das ist sie für mich noch.“ Die ehemalige stellvertretende Ministerpräsidentin Hessens und Ministerin für Wissenschaft und Kunst hat die Schirmherrschaft über das Festival.

Für den passenden Ton zum feierlichen Bild sorgten 13 Stimmen und ein Klavierspieler. Sie sangen Lieder über Luther, Gott und die Welt. Kein Lied, sondern eine Hymne Luthers stimmt das Ensemble TonArt unter Leitung von Helgo Hahn zu Beginn an: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“, verkünden die sanften Stimmen in den meterdicken Mauern der Ruine, die plötzlich wieder Kirche ist – wie 1521.

490 Jahre Gastfreundschaft

490 Jahre überdauert hat auch die Gastfreundschaft der Stadt, erklärt Dekan Ulrich Brill und erbringt den historischen Beweis. Er liest aus einem Brief vor, in dem Luther über seine Ankunft in Bad Hersfeld berichtet: „Du magst nicht glauben, wie freundlich die Hersfelder uns empfangen haben“, schrieb er. Dem Ketzer namens Luther, der mit seinem Rollwagen vom Wormser Reichstag Richtung Wartburg zog, waren sie einen

„Es soll ein Fest der Einheit sein, aber auch ein Fest für Zweifler und Skeptiker.“

Ruth Wagner Schirmherrin

Kilometer entgegengelaufen. „Sie haben ihn mit offenen Armen in Empfang genommen.“ Die Festival-Veranstalter wollen es ihm gleichtun – nicht nur an den drei Festtagen, wie Bürgermeister Thomas Fehling betonte.

Am Ende geht das Licht auf. Dekan Brill spricht den Segen mit den Worten Luthers. Scheinwerfer tauchen das, was von der Stiftskirche geblieben ist, in warmes Licht. Dann zünden zwei Männer in Kutten die Fackeln an. Die Gruppe, die sich „Feuer in Bewegung“ nennt, spielt mit dem Feuer, als sei es ein Gummiball: Sie werfen, drehen, jonglieren es. Es regnet Funken. Das Fest ist eröffnet.

Von Pia Schleichert

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