HZ-Montagsinterview mit Dr. Bettina Leder über die Ausstellung „Legalisierter Raub“

Es rührt an alten Wunden

Dr. Bettina Leder ist Kuratorin der Ausstellung „Legalisierter Raub“ über die Ausplünderung der Juden durch den Fiskus.

Rotenburg. Im Studienzentrum der Finanzverwaltung in Rotenburg wird am kommenden Donnerstag die Ausstellung „Legalisierter Raub“ eröffnet. Sie beschäftigt sich mit der gezielten Ausplünderung der Juden in Hessen durch den Fiskus. Kai A. Struthoff sprach mit der Ausstellungsmacherin Dr. Bettina Leder.

Die Judenverfolgung ist ohne Frage eines der schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte, das aber bereits sehr umfänglich aufgearbeitet wurde. Was ist das Neue an Ihrer Ausstellung?

Dr. Bettina Leder: Wir richten den Blick auf das, was vor der physischen Vernichtung geschah. Es geht um die materielle Vernichtung der deutschen Juden. Gezeigt wird, wie ihnen ihr Eigentum und die Basis des Lebens genommen wurde. Das beginnt mit der Einziehung von Edelmetallen oder Radiogeräten und reicht bis hin zu Sonderabgaben und Sondersteuern, die im Mittelpunkt unserer Ausstellung stehen. Die jüdische Bevölkerung wurde in einen radikalen Verarmungsprozess getrieben. Auch die, denen es einmal gut gegangen war, hatten am Ende nichts mehr.

Die Finanzämter waren an dieser Ausplünderung ganz wesentlich beteiligt. Haben die Finanzbehörden Sie denn jetzt bei der Konzeption der Ausstellung unterstützt?

Leder: Ja, und ohne diese Unterstützung wäre diese Ausstellung nicht zustande gekommen. Bereits 1998 hat der damalige hessische Finanzminister Karl Starzacher die Problematik erkannt und die Finanzbehörden angewiesen, nach Akten aus der NS-Zeit zu suchen. Diese Akten wurden dann mit einem Forschungsauftrag vom Fritz Bauer Institut...

...einem Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust ...

Leder: ...ausgewertet. Dabei wurde klar, in welchem Umfang die jüdische Bevölkerung ausgeplündert wurde und auch in welchem Umfang sich das deutsche Reich an ihrem Eigentum bereichert hat. Aus dem Forschungsvorhaben ging die Ausstellung hervor, die das Institut zusammen mit dem Hessischen Rundfunk realisiert hat. Da ahnten wir noch nicht, dass die Ausstellung im Lauf der Zeit mehr und mehr auch zu einem biografischen Projekt werden würde, das die Lebensgeschichten vieler Verfolgter und Ermordeter rekonstruiert. Auch dazu findet man Material in den Finanzamtsakten der NS-Zeit.

Die Versteigerung des jüdischen Eigentums wurde öffentlich annonciert. Dabei haben die Zeitungen, auch die Hersfelder Zeitung, eine unrühmliche Rolle gespielt. Aber durch die Zeitungsanzeigen konnte doch eigentlich jeder wissen, was mit den Juden passiert?

Leder: Dieser Aspekt beschäftigt uns sehr. Durch dieses Projekt erfährt man viel darüber, was die Deutschen über die Judenverfolgung wussten.

Trotzdem behaupten viele noch heute, sie hätten von all dem nichts gewusst?

Leder: Natürlich gab es Deckbezeichnungen. Man sprach beispielsweise von Evakuierungen in den Osten. Aus den Akten geht aber zum Beispiel hervor, dass die Finanzbeamten ganz genau wussten, wie wenig, nämlich fast nichts, die Juden mitnehmen durften. Aber niemand hat gefragt, warum sie denn nichts mehr brauchen.

Wie reagieren die Zeitzeugen auf die Ausstellung?

Leder: Zwiespältig. Wir haben guten Kontakt zu Zeitzeugen und Angehörigen von Holocaustopfern, die uns wunderbar unterstützt haben. Aber von der Täterseite haben wir nur einen einzigen Finanzbeamten gefunden, der den Mut hatte, über diese Zeit zu sprechen.

In Großstädten herrscht eine gewisse Anonymität. Jetzt gehen sie in kleine Ortschaften. Befürchten Sie nicht, dass dort alte Wunden aufbrechen könnten?

Leder: Doch! Das muss man wissen, und damit muss man umgehen. Aber wir können uns nicht scheuen hinzusehen. Die Wunden sind ohnehin da, nur eben oft zugedeckt. Es ist eine Frage des Umgangs, das haben wir im Laufe der Jahre mit der Ausstellung gelernt. Rotenburg ist auch nicht der erste kleinere Ort, wo wir die Ausstellung zeigen. Es ist ein Anliegen dieses Projekts, raus aus den Städten und rein in die Provinz zu gehen.

Die Ausstellung richtet sich ja auch an Schulen und Schüler. Wie ist da die Resonanz?

Leder: Eigentlich sehr gut. Wir spüren manchmal, dass Schüler zunächst nicht mit dem ganz großen Interesse zu uns kommen. Aber es passiert oft, dass die Schüler nach der Ausstellung den Zeitzeugen Briefe schreiben. Das ist für uns die schönste Resonanz, denn diese Briefe sind oft ans Herz gehend. Viele Schüler verstehen in dieser Ausstellung zum ersten Mal, warum sie diese so lange zurückliegende Geschichte immer noch etwas angeht. Nach dem Ausstellungsbesuch hören wir oft von jungen Leuten, dass sie jetzt ganz anders hinsehen. Sie spüren die Generationenfolge und ihre Verantwortung. Genau das wollen wir erreichen.

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