Fragen und Antworten zu Vorteilen und Problemen einer Salz-Pipeline zur Nordsee

Ein Rohr mit Schwierigkeiten

? Warum soll der Bau einer Salzabwasser-Pipeline noch weitere zehn Jahre dauern?

!Weil die Pipeline entlang der Midal-Erdgastrasse bisher nicht mehr ist als ein Plan. Weil niemand weiß, wer das über 400 Kilometer lange Rohr zahlt. Weil vier Anrainerländer und der Bund zwar einig sind, aber Niedersachsen sich bislang gegen die Fernleitung sperrt. Und weil auch K+S zu diesem Entsorgungsweg deutlich auf Distanz geht.

? Wie setzt der runde Tisch seine Empfehlung durch?

! Durchsetzen kann er gar nichts – sein Auftrag war es von Anfang an, Empfehlungen zu geben. Diese umsetzen müssen Industrie, Politik, Genehmigungsbehörden und vielleicht auch Gerichte. Für Verhandlungen mit einem der größten Arbeitgeber der Region - und K+S ist ja sogar Weltmarktführer - kann eine klare Empfehlung den Politikern aber Rückenwind geben. Der runde Tisch gilt ja als Vertretung aller, die mit Kaliindustrie und Salzabwasser zwischen Werra und Nordsee zu tun haben - mit den Nutzen, wie mit den Schäden.

? Kann man die Gegenstimme von K+S am runden Tisch erklären?

! Von außen gesehen kann man folgendes sagen: Der Kasseler Konzern sieht zu viele Fragezeichen hinter der Fernleitung. Die gilt bei K+S im Vergleich mit der eigenen Strategie der „Neuen Integrierten Salzabwassersteuerung (NIS)“ nur als zweite Wahl. Die NIS soll zudem mit geschätzten 50 Millionen Euro nur einen Bruchteil dessen kosten, was für die Pipeline anfällt.

? Und das Land Hessen, von dem so oder so die Genehmigungen kommen müssten?

! Hessen will das Rohr zum Meer. Weil so zwei oder sogar drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen wären. Entlastung der Flüsse von sieben Millionen Kubikmetern Salzwasser jährlich - das ist schön und gut, aber bekanntlich nur ein Teil des Problems.

? Sieben Millionen Kubikmeter Salzwasser – wie kann man sich die bildlich vorstellen?

! In einem Behälter, der auf der Fläche eines Fußballfeldes gefüllt gut einen Kilometer hoch wäre. Juristisch viel dringender als die Entsalzung der Flüsse ist ein Ende der Versenkung: Mit ihr wird noch einmal dieselbe Abwassermenge aus den Kaliwerken in tiefe poröse Plattendolomitschichten „endgelagert“. Von wo die Lauge aber unkontrolliert zurücksteigt, im Buntsandstein Grund- sowie Trinkwasser bedroht und am Ende doch in die Werra sickert. Bis Ende 2011 – das muss man unterstreichen – decken dies behördliche Erlaubnisse. Aus der Versenkung will das Land dann schnellstmöglich aussteigen. Die Thüringer Gemeinde Gerstungen droht bereits mit Klage: Sie sieht ihr Trinkwasser nicht langfristig, sondern akut bedroht.

? Und der dritte Vorteil einer Laugenleitung zum Meer?

! Sie könnte langfristig zur Leerung der überquellenden Versenkschichten dienen. Und die riesigen Salzgebirge wegschaffen, die der Kalibergbau aus seinen festen Abfällen in Heringen, Philippstal und Neuhof-Ellers bei Fulda auftürmt. Die Halden werden bis zum Ende der Kaliproduktion in 20, 30, 40 Jahren noch sehr viel größer. Jeder Regen wäscht Salzwasser aus. Das werden irgendwann über drei Millionen Kubikmeter pro Jahr – und die Berge bleiben noch Jahrhunderte oder sogar über 1000 Jahre lang.

? Was sagen Pipeline-Befürworter zu Folgen fürs Meer?

! Die sagen: Das Kali-Abwasser landet so oder so im Meer – aber lieber direkt durch ein Rohr als über die Flüsse. Das Salz im Abwasser stammt selbst aus Ablagerungen urzeitlicher Meere. Wenn die Fernleitung in der Außenjade östlich der Insel Wangerooge endet, sorgen Strömung, Wassertiefe und Tidenhub für schnelle, ökologisch unbedenkliche Verdünnung der Kali-Fluten im Meer.

? ... und die Werra wäre wieder ein Süßwasserfluss?

! Leider nicht. Es bleiben ihr ja die Zutritte von alten Versenkungsabwässern: derzeit mit 14 Kilo Chlorid pro Sekunde, einem knappen Viertel der Gesamtfracht. Nach Einstellung der Versenkung würde das wohl abnehmen. Wie schnell, in welchen Mengen – das ist unklar. Süßwasser wäre das auch zehn Jahre danach nicht – Tier- und Pflanzenarten, die gegen Salz etwas robust sind, könnten in Deutschlands momentan salzigstem Fluss aber wieder siedeln. Für nahezu die gesamte Weser prognostizieren Gutachten sogar, dass ein „guter ökologischer Zustand“ möglich würde.

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