Das Dschungelbuch: Familienstück wurde als Eröffnungspremiere gefeiert

Mit Rilke im Urwald

Von der Dschungelnacht singt Mutter Wolf (Marie Therese Futterknecht) für Mogli (Lena Vogt) und ihre Wolfskinder (Ensemble). Fotos: Konopka

Bad Hersfeld. Der Urwald erwacht zum Leben, kaum dass Mogli (Lena Vogt) die Augen geschlossen hat. Da wachsen großblättrige Dschungelpflanzen aus den Pfeilern der Stiftsruine, da entfaltet sich ein Blätterdach unter ihren romanischen Bögen. Und wie bestellt flattert eine Taube über die Bühne. Die 61. Bad Hersfelder Festspiele haben mit dem Familienstück „Das Dschungelbuch“ als Musical von Wolfgang Schmidtke und Gerold Theobalt eröffnet.

Menschen oder Tiere

Ein Kinderstück als Auftaktpremiere, das ist ein Wagnis. Doch das, was die Zuschauer in der mit knapp 1600 Personen voll besetzten Ruine zu sehen und zu hören bekommen, das ist weit mehr als ein Kinderstück. Wie Rudyard Kipling erzählt auch Regisseur Janusz Kica eine Entwicklungsgeschichte von dem Jungen Mogli, der seinem Vater, einem Holzfäller, im Dschungel verloren geht, in die Höhle einer Wolfsfamilie flüchtet, von den Wölfen großgezogen wird und schließlich entscheiden muss, ob er in die Welt der Menschen oder die der Tiere gehört.

Was will ich sein? Wo gehöre ich hin? Wem kann ich vertrauen? Das sind elementare Fragen, die Kica in seiner Inszenierung aufwirft.

Da sind zum Beispiel die Wölfe, ein Haufen duckmäuserischer, angepasster Feiglinge, trotz allen dramatischen Wolfsgeheuls. Oder die von den anderen Dschungeltieren geächteten Affen, mit denen man aber besonders viel Spaß haben kann und die das Geheimnis der Zivilisation ergründen wollen.

Herausragende Schauspieler

All das bringt Janusz Kica mit seiner herausragenden Schauspielerriege und einer Fülle origineller Ideen flott und außerordentlich kurzweilig auf die Bühne. Seiner Inszenierung gelingt es, sowohl Kinder als auch Erwachsene anzusprechen, sie blendend zu unterhalten und auch ein wenig nachdenklich zu machen. Dazu tragen ganz wesentlich die Musik von Wolfgang Schmidtke und die Kostüme von Valentina Crnkovic bei.

Zu den starken Momenten des Stücks gehört das anrührende Lied des Panters Bagheera, in dem Maaike Schuurmans mit den Worten von Rilkes Gedicht „Der Panther“ die leidvollen Erfahrungen im Zoo besingt. Aber auch Kristin Hölck als alternde Schlangendiva Kaa und Marie Therese Futterknecht als Wolfsmutter Raksha mit dem Lied von der Dschungelnacht bezaubern mit Ausdruck und Stimme. Nicht zu schlagen ist aber Ulrich Wewelsiep (Baloo) mit seinem Honigbären-Blues, den das jubelnde und trampelnde Publikum gerne noch einmal als Zugabe gehört hätte.

Rockender Geier

Erklärte Publikumslieblinge sind zudem Stefan Reck als tollpatschiger, rockender Geier Chil und intriganter Schakal Tabaqui, Markus Gertken, der sich nicht nur als machtgeiler, prolliger Shir Khan in die Brust wirft, sondern auch als Affenkönig Lui begeistert und natürlich Lena Vogt, die einen frechen, mal unbekümmerten, mal ängstlichen Mogli zeigt.

Ob aus dem gelungenen Experiment der Eröffnung mit dem Familienstück nun eine Tradition wird, das muss sich aber erst noch zeigen.

Von Christine Zacharias

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