In der Festspiel-Kasse klafft ein Zwei-Millionen-Loch / Boehmer: Verluste sind gedeckt

Riesen-Defizit in der Ruine

Intendant Freytag

Bad Hersfeld. Knapp zwei Millionen Euro Defizit – das ist die bittere finanzielle Bilanz der 60. Bad Hersfelder Festspiele. Zu den bereits im Wirtschaftsplan einkalkulierten 790 000 Euro kommt ein zusätzliches Defizit von 1,14 Millionen Euro aus der laufenden Spielzeit. Diese Zahlen bestätigte gestern Bürgermeister Hartmut H. Boehmer unserer Zeitung.

Trotz guter Kritiken lag die Auslastung der Ruinen-Stücke weit hinter den Erwartungen zurück. Sie betrug bei „Carmen – ein deutsches Musical“ nur durchschnittlich 68,4 Prozent, bei der „West Side Story“ 84 Prozent und bei dem von Feuilleton und Publikum gefeierten „Sommergästen“ sogar nur 40 Prozent. Insgesamt haben 68 000 Zuschauer die Ruinenstücke gesehen. In der Kalkulation waren die Verantwortlichen allerdings von 93 000 Zuschauern für die vier Hauptproduktionen ausgegangen.

Bürgermeister Boehmer

„Wir haben unsere Kalkulation nicht künstlich hochgepuscht“, versichert Boehmer, „aus Sicht des letzten Jahres hatten wir frohere Erwartungen und hatten mit einer besseren Auslastung gerechnet.“
Die künstlerische Qualität der Festspiele habe durchaus seinen Erwartungen entsprochen, „was in den Vorjahren nicht immer der Fall war“, sagt der Bürgermeister. Boehmer stellte sich demonstrativ hinter Intendant Holk Freytag: „Er hat einen Vertrag bis 2013, und ich halte Verträge ein“, sagte er.

Trotz des unerwartet hohen Defizits seien alle Ausgaben durch den Haushalt gedeckt, sagt der Bürgermeister. Mehreinnahmen aus dem Gemeindeanteil an der Einkommensteuer sowie Mehreinnahmen aus steuerlichen Gewinnen der Wirtschaftsbetriebe machten diese möglich. „Die Rücklage wird nicht angetastet“, verspricht Boehmer.

Ausrichtung stimmt

Als Gründe für die geringere Publikumsresonanz nannte Boehmer den Trend weg vom Schauspiel zu mehr Musicals, aber auch die Altersstruktur des Publikums, die dessen Mobilität einschränke, wie auch die wachsende Konkurrenz der Festspielveranstaltungen.

Intendant Holk Freytag nannte die Diskussion über Verkaufszahlen und Defizite kontraproduktiv. „Hier wird immer nur mit Druck gearbeitet.“ Man könne nicht immer die Strategie ändern.

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Die Festspiele seien mit ihrer Ausrichtung nach Europa auf einem guten Weg. „Man muss aber dafür auch ein bisschen Atem haben“, mahnte der Intendant. Er werde zwar seine Schlüsse aus den Ergebnissen der ersten Spielzeit ziehen, lasse sich bei der künstlerischen Ausrichtung aber nicht unter Druck setzen. „Wer immer dem Publikum hinterherläuft, der sieht auch immer nur dessen Hintern.“

Lokalseite 3, Zum Tage

Von Kai A. Struthoff

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