HZ-Wochenendportrait: TV-Star Horst Sachtleben spielt Freiherr von Attinghaus im Tell

Respekt vor der Ruine

Heute Bischof, morgen Freiherr: Horst Sachtleben schlüpft meisterhaft in die verschiedensten Rollen. Fotos: Kai A. Struthoff

Bad Hersfeld. Um Himmels willen! „Herr Sachtleben wartet schon seit einer Viertelstunde in der Festspielkantine auf Sie“, sagt die freundliche Dame von der Pressestelle am Telefon. Verflixt! Prominente lassen Journalisten ja öfter mal warten. Doch jetzt wartet einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Schauspieler auf den Reporter. Wie peinlich!

Doch Horst Sachtleben reagiert gütig und verständnisvoll – ganz so wie man es von ihm in seiner Rolle als Gottlieb Rossbauer, dem Bischof des Kaltenthaler Konvents, erwarten würde. Jeden Dienstag sehen sieben Millionen ARD-Zuschauer Horst Sachtleben an der Seite von Fritz Wepper und Rosel Zech in der Serie „Um Himmels Willen“. Wenn er abends auf Sendung war, dann heißt es morgens, wenn er daheim in München U-Bahn fährt oft: Oh, da kommt ja der Herr Bischof! Sachtleben freut sich über diese Prominenz und hat Spaß daran, angesprochen zu werden. „Ich bin froh, dass die Zuschauer die Serie so positiv sehen“.

In der Stiftsruine darf der Schauspieler nicht vor sich hin privatisieren – er muss intensiv sein.

Horst Sachtleben

In Bad Hersfeld hat er aber die violette Bischofs-Calotte gegen eine schwarze Baseballmütze getauscht. Ein warmer Fleecepullover ersetzt die Soutane. Kaum zu glauben: Ist dieser hagere, hellwache Mann wirklich fast 80 Jahre alt? Sachtleben lacht viel, wirkt ganz entspannt – obwohl die Zeit drängt. Er muss zum Zug, heim nach München. Zwischen den Proben für den Tell in der Stiftsruine, in dem er die Rolle des Freiherrn von Attinghaus spielt, dreht er in München. Schwierigkeiten zwischen dem Klassiker Tell und dem launigen Fernseh-Bischof umzuschalten, hat er nicht. „Man braucht dafür Konzentration.“

Und jede Menge Professionalität. Sachtleben kennt alle Facetten der Schauspielerei. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften und Schauspielunterricht in seiner Heimatstadt Berlin spielt Sachtleben an allen wichtigen Bühnen – besonders gern am Staatsschauspiel in München, wo er mit seiner Ehefrau, Schauspielerin Pia Hänggi, auch lebt.

Einem breiteren Publikum wird Sachtleben ab 1962 durch das Fernsehen bekannt. Die Liste seiner Rollen liest sich wie ein Who ist Who der TV-Unterhaltung: „Der Kommissar“, „Der Alte“, „Tatort“, „Pumuckl“, „Kir Royal“, „Post Mortem“, „Verbotene Liebe“...

Nebenbei arbeitet er als Synchronsprecher: Woody Allen, Peter Fonda oder Harvey Keitel, sogar Horace Slughorn aus „Harry Potter und der Halbblutprinz“ – ihnen allen leiht er seine markante Stimme, sogar dem legendären Inspektor Columbo: „Peter Falk spricht in dieser Rolle sehr nachlässig“, sagt Sachtleben, „deshalb habe ich versucht, auch auf Deutsch dieser Lässigkeit nahe zu kommen.“

Respekt vor der Ruine

Auf der gewaltigen Bühne der Stiftsruine wird er aber mit lässiger Aussprache nicht weit kommen. „Da darf man nicht so vor sich hin privatisieren, sondern muss intensiv sein“, sagt Sachtleben. Vor der Ruine hat er „Respekt, aber keine Angst“. Für ihn ist es das erste Engagement in Bad Hersfeld. „Ich war immer neugierig auf die Festspiele, und als mich Holk Freytag fragte, habe ich begeistert ja gesagt“. Das liegt wohl auch am Intendanten. „Er sagt interessante, kluge Dinge, die ich gern annehme“, sagt Sachtleben. Ihm gefällt, dass Freytag nicht starr auf eine Regielinie festgelegt sei. „Es gibt Regisseure, denen man gern zuhört“ – aber es gebe eben auch andere, sagt er schmunzelnd.

Hoffen auf Erfolg

Als „alter Theaterhase“ weiß Horst Sachtleben natürlich nur zu gut, welch ungeheurer Druck jetzt auf dem Intendanten lastet. „Auch wir Schauspieler wollen, dass der Laden voll ist und dass die Festspiele neben dem künstlerischen auch finanziellen Erfolg haben“.

Wie praktisch, dass „Bischof Sachtleben“ berufsbedingt einen guten Draht nach oben hat. Für den Fototermin vor der Ruine bittet der Schauspieler verschmitzt um gutes Wetter für die Festspiele. Eigentlich kann da jetzt ja – um Himmels willen – nichts mehr schief gehen.

Von Kai A. Struthoff

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