Ein Jahr auf Bewährung wegen illegalen Anbaus

Der Rentner mit der Cannabis-Zucht

Bad Hersfeld. Von einem „etwas ungewöhnlichen Fall“ sprach Richter Michael Krusche, als das Schöffengericht Bad Hersfeld gestern einen 65 Jahre alten Rentner wegen des unerlaubten Anbaus und Besitzes von einer nicht geringen Menge Betäubungsmitteln zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilte.

Denn normalerweise hat es das Gericht bei Rauschgiftdelikten mit wesentlich jüngeren Angeklagten zu tun.

Doch es war nicht nur der Umstand, dass ein älterer Herr im großen Stil Cannabispflanzen gezüchtet hatte, der aus dem Rahmen fiel, sondern auch die Geschichte drumherum.

Denn der Rentner aus Bad Hersfeld war in Drogensachen kein unbeschriebenes Blatt, war 1983 wegen Handels schon einmal zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Auch dass er der Angeklagte zeitweilig als Arbeitstherapeut in einer Einrichtung für Drogensüchtige beschäftigt war, fand Richter Krusche bemerkenswert.

Doch im aktuellen Fall fand sich weder ein Hinweis darauf, dass der Hersfelder mit der Ernte seiner Zucht Geld verdienen wollte, noch stand die persönliche Situation des Angeklagten in einem erkennbaren Zusammenhang zu seiner therapeutischen Arbeit.

Fragwürdiger Rat

Ungewöhnlich auch der Anlass für den Cannabis-Anbau: Weil er unter Depressionen und Bluthochdruck litt, begab sich der Angeklagte seinerseits in die Behandlung eines Psychotherapeuten und erhielt dort den fragwürdigen Rat, zur Beruhigung doch ab und an mal etwas Haschisch zu rauchen.

Der Hersfelder mochte zwar nicht rauchen, sondern kochte sich einen Tee und verspürte tatsächlich Linderung seiner Beschwerden.

Weil er sich das Betäubungsmittel nicht ständig auf dem schwarzen Markt besorgen wollte, suchte er nach einem Ausweg. Über einen Internet-Kontakt bestellte er schließlich eine Zuchtanlage und bekam für den Schnäppchenpreis von 700 Euro alles geliefert, was der Cannabis-Bauer benötigt: Setzlinge, Pflanzboxen, Wärmelampen, Wasserpumpen, Granulat, Zeitschaltuhr und so weiter.

Prächtig gediehen

In seiner Zweitwohnung im Raum Eiterfeld funktionierte der Rentner das komplette Obergeschoss zur Zuchtanlage um. Als dort am 10. Februar dieses Jahres aufgrund eines anonymen Tipps die Polizei erschien, stellte sie mehrere hundert Setzlinge und prächtig gediehene Pflanzen sicher. Die mit Marihuana beladene Waage zeigte am Ende mehr als ein Kilogramm an. Diese Menge hätte dem Hersfelder mehr als vier Jahre lang für seine Tee-Versorgung gereicht.

Staatsanwältin Christina Dern beantragte ein Jahre und sechs Monate Freiheitsstrafe, Rechtsanwalt Thomas Rath, der den rundum geständigen 65-Jährigen verteidigte, lediglich neun Monate, weil er die Tat als minderschweren Fall bewertete.

Dieser Sichtweise folgte das Gericht wegen der großen Menge und der professionellen Handlungsweise nicht, beließ es aber beider Mindesstrafe von einem Jahr. Daneben wurden 1500 Euro Buße verhängt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Von Karl Schönholtz

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