Es reicht mit dem Firlefanz

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Professor Horst Zuse vor einem Foto vom Innenleben des legendären ersten Computers, den sein Vater Konrad Zuse im Jahr 1941 erfand.

Bad Hersfeld. Professor Horst Zuse, Sohn des Computer-Erfinders Konrad Zuse, hat auf Einladung der Sparkasse Hersfeld-Rotenburg vor rund 140 Handwerkern und Unternehmern aus der Region über die Arbeit seines Vaters referiert. Vor dem Vortrag sprach Kai A. Struthoff mit dem Wissenschaftler aus Berlin.

Herr Professor Zuse, wird Ihnen manchmal Angst und Bange, wenn Sie sehen, was aus den Geistern geworden ist, die Ihr Vater rief?
Horst Zuse: Was heißt die Geister, die er rief. Er wollte ja nur die fürchterlichen Rechnungen, die damals mit einfachen Tischrechenmaschinen gemacht wurden und oft Fehler enthielten, automatisieren.

Aber inzwischen sind wir völlig abhängig von Computern. Beherrschen wir noch die Maschinen oder schon längst sie uns? Zuse: Im Augenblick beherrschen wir sie noch - Gott sei Dank. Aber wir sind natürlich abhängig. Wenn heute alle Festplatten ausfallen würden, hätten wir alle Probleme. Dafür funktioniert aber auch vieles, was es früher nicht gab. Nehmen Sie nur die ganze Logistik von Flugzeugen, Lastwagen oder Zügen.

Aber unsere Angreifbarkeit durch Hacker und die Gefahr der Ausspähung im Netz ist viel größer geworden.
Zuse: Das ist richtig. Alles hat zwei Seiten. Aber es gab schon immer Überwachung. Im Dritten Reich, wurde das noch mit Karteikarten gemacht. Im Augenblick habe ich noch keine Angst vor der Macht der Computer. Das könnte sich irgendwann ändern, wenn die Maschinen Denkprozesse nachvollziehen können.

Im vergangenen Jahr wurde Ihr Vater in Medienberichten in die Nähe der Nazis gerückt. Was ist da dran?
Zuse: Mein Vater hätte bestimmt gern in einer anderen, freieren Zeit gelebt, wie wir heute. Aber er lebte nun einmal damals und er war in einem Rüstungsbetrieb tätig.

Andere Wissenschaftler sind emigriert?
Zuse: Meinen Vater kannte damals noch niemand. Einstein war schon sehr berühmt, aber meinen Vater hätte wahrscheinlich kein Land aufgenommen. Mein Vater ist in seiner Autobiografie sehr ehrlich mit seiner Vergangenheit umgegangen. Er war bei den Henschel-Flugzeugwerken, da hatte man auch Kontakt zu Personen des Dritten Reichs.

Ihr Vater war damals noch nicht so bekannt, und auch heute wissen viele nicht, dass er aus unserer Region kam. Wird das Vermächtnis Ihres Vaters hier zu wenig gewürdigt?
Zuse: Das sehe ich nicht so. In Hünfeld ist man sehr aktiv und vermarktet den Namen Zuse sehr geschickt. In Neukirchen passiert noch nicht so viel, das liegt vielleicht am fehlenden Geld. Und in Hersfeld passiert auch einiges. Es gibt das Denkmal im Stiftsbezirk, den Zuse-Industriepark...

Und jetzt kommt das „Wortreich“, ein Science-Center rund um die Sprache...
Zuse: Wissenschaft ist wichtig. Und gerade Kinder müssen früh an diese Thematik herangeführt werden...

...sagt der Informatik-Professor. Aber ist dieser spielerische Ansatz richtig?
Zuse: Ich finde ihn gut und arbeite selbst auch so. Wir brauchen Nachwuchs, der sich für die Wissenschaft interessiert, sonst können wir unser Niveau im weltweiten Vergleich nicht halten. Wir haben eben keine Bodenschätze, deshalb müssen wir Wissen verkaufen.

Sind Sie in die Konzeption des Wortreichs mit einbezogen?
Zuse: Nur wenig. Ich wurde gefragt, ob ich wisse, wo man einen alten Zuse-Computer herbekommen könne. Sonst nicht. Ich kann nicht alles tun.

Ihr Vater ist auch literarisch verewigt in dem Roman von Friedrich Christian Delius: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“. Haben Sie Ihren Vater darin wiedererkannt?
Zuse: Ja, partiell schon. Es ist natürlich ein Roman, und die beiden saßen auch nicht zehn Stunden auf dem Stoppelsberg zusammen. Aber das Buch ist nicht schlecht, weil es einen partiell verrückten Erfinder darstellt.

Wie ist das für Sie, wenn man als Sohn eines berühmten Vaters in einem ähnlichen Bereich arbeitet. Ist der Erwartungsdruck da nicht immens?
Zuse: Es ist relativ einfach, wenn Sie es richtig machen. Sie dürfen nicht versuchen, mit einem berühmten Namen Karriere zu machen, sondern zeigen, was Sie selbst können. Ich habe viel selbst geforscht und publiziert und war damit erfolgreich - und wenn das so ist, dann können Sie auch etwas über den berühmten Vater erzählen.

Noch eine Frage an den Informatik-Professor: Vor 15 Jahren hatte keiner Internet. Wo stehen wir in 15 Jahren, wird es die gedruckte Zeitung noch geben?
Zuse: Ich hoffe sehr! Aber die Entwicklung ist schwer vorhersagbar. Die meisten Prognosen lagen bisher daneben. Aber ich frage mich manchmal auch, was viele Leute heute stundenlang mit ihren Handys und Computer tun. Ich selbst lese gern Bücher, und schalte den Computer aus. Das menschliche Gehirn ist so flexibel. Vielleicht sagt es irgendwann: Es reicht mit dem technischen Firlefanz.

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