Gisela Wendland-Wolff wird 100 Jahre jung - Mit 21 Double von Filmstar Lilian Harvey

Reiches, bewegtes Leben

Gisela Wendland-Wolff feiert heute in Bad Hersfeld ihren 100. Geburtstag. Foto: Apel

BAD HERSFELD. Ihr 100. Lebensjahr vollendet heute Gisela Wendland-Wolff. Sie kann auf ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen und unglaublichen Begebenheiten zurückblicken.

Das Schönste dabei ist, dass sie in hohem Alter aufgeschrieben hat, was sie vom Nesthäkchen-Dasein in Osnabrück und Berlin bis hin zum kriegsbedingten Umzug nach Bad Hersfeld erlebt hat und dass sie sich noch heute – trotz eingeschränkter Beweglichkeit – mit bewundernswerter Klarheit an viele Geschehnisse erinnert. Dazu gehören zum Beispiel die Erinnerungen an den ersten Ballettunterricht („Ich habe bei der Kinderoper Hänsel und Gretel mitgespielt und immer viel Spitze getanzt!“), oder an die Schulzeit auf zwei Privatlyceen und dem Hohenzollern-Oberlyceum.

Vater Freund von Hindenburg

Reichspräsident Paul von Hindenburg war der beste Freund ihres Vaters. Von daher wollte es der Zufall, dass sie für die Feier des 21. März 1933, den „Tag von Potsdam“, als Begleitung eines Offiziers „ausgesucht“ wurde. So erlebte sie den Tag, an dem sich Reichskanzler Adolf Hitler in die Reihe der Preußenkönige stellen wollte, hautnah mit.

Da sie auch Reitunterricht erhalten hatte und galoppieren konnte, durfte sie im 1935 uraufgeführten Ufa-Film „Schwarze Rosen“ die damals berühmte Schauspielerin Lilian Harvey doubeln. Vor einem Jahr entdeckte sie die entsprechenden Filmsequenzen mit Hilfe ihrer ältesten Tochter auf YouTube wieder. 1936 ritt sie bei der Berliner Olympiade in friderizianischer Tracht bei einer großen Schaunummer mit acht Pferden mit.

Von 1934 bis 1938 absolvierte sie ihre Berufsausbildung, die sie als staatlich examinierte Hauswirtschaftsleiterin abschloss. Mit Schrecken erinnert sie sich daran, wie sie bei einem Praktikum in einem Landhaushalt von einem Hahn gebissen wurde und angesichts einer Blutvergiftung operiert werden musste. Unterrichtstätigkeit und die Leitung der Hauswirtschaft eines Lazaretts folgten. 1942 wurde sie kriegsverpflichtet, was in ihrem Fall bedeutete, dass sie in weitem Umkreis Vorträge über das Ei-Ersatz-Produkt „Mil-Ei“ und dessen Einsatz halten musste.

1943 lernte die Jubilarin ihren ersten Ehemann Wolfgang Wendland kennen, der beim Berliner Kali-Syndikat als Prokurist tätig war. 1944 heiratete sie ihn, „aber vor lauter Luftangriffen waren wir mehr im Luftschutzkeller als anderswo!“ Im Frühjahr 1945 kam ihr Sohn in Celle, wohin die kleine Familie zu den Schwiegereltern geflüchtet war zur Welt. Das geschah allerdings nicht ohne Komplikationen, denn bei einem Bombenangriff auf Celle musste die damals 31-Jährige vier Stunden lang in einem steckengebliebenen Krankenhaus-Aufzug ausharren. Bis heute hat sie keinen Aufzug mehr betreten…

Nachdem ihr Ehemann nach dem Zusammenbruch Arbeit bei der Kali-Verkaufsstelle in Bad Hersfeld gefunden hatte und noch zwei Töchter auf die Welt gekommen waren, trennte er sich von ihr. Für Gisela Wendland begann eine schwere Zeit, die viele Entbehrungen mit sich brachte, die sie letzten Endes aber meisterte. Nicht zuletzt mit Hilfe ihres zweiten Ehemannes Horst Wolff, den sie Weihnachten 1973 heiratete. Über ihn kam sie mit dem Heimkehrerverband in Verbindung, wo sie sich als Presse- und Frauenreferentin engagierte und Vorträge organisierte. Später wurde sie im Seniorenarbeitskreis der Volkshochschule und bei der evangelischen Kirchengemeinde aktiv, wo sie 25 Jahre lang die Weihnachtsfeiern mitgestaltete. Für die HZ schrieb sie Texte für die Seniorenseite.

Wenn man weiß, dass sie bis heute Goethes Faust zitieren kann, dass sie die Rolle des Gretchens im Kopf hat, und dass ihr in Bad Hersfeld erlebtes Leben in vielen Aktenordnern in ihrem Keller steht, kann man ihr nur wünschen, dass sie mit Hilfe ihrer Kinder noch viel davon aufschreiben kann. Gedicht unten

Von Wilfried Apel

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