Wochenendporträt: Oda Pretzschner liebt es, ihre Rollen vielschichtig zu gestalten

So reich wie möglich

Oda Pretzschner spielt die unkonventionelle Mechthild von Arnstein in „Die Wanderhure“. Auch als Tochter von „König Lear“ war sie schon in der Stiftsruine zu sehen. Sie liebt die großartige Bühne und ist begeistert von den Hersfeldern, von denen sie schon viel Hilfe und Unterstützung bekommen hat. Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Mechthild von Arnstein ist stark und klug, sie hat ihre eigenen Ideen und ist bereit, sich dafür einzusetzen und sie ist unkonventionell. Gespielt wird die auffallende Figur in „Die Wanderhure“ von Oda Pretzschner. Sie zeigt gerne starke Frauen, auch wenn sie den Begriff gleich in Frage stellt. „Stark ist auch, wenn man über seine Schwächen Bescheid weiß“, erklärt sie. Sie suche in allen Rollen die Stärken der Figur, auch bei denen, die vordergründig als Opfer wirken.

„Ein Vergnügen“

Mechthild von Arnstein jedoch ist kein Opfer. „Diese Rolle war mir wirklich sympathisch“, betont Pretzschner, „die Figur ist zukunftsweisend und ihrer Zeit voraus. Sie zu spielen ist mir schon ein Vergnügen.“ Gekämpft hat sie dagegen während der Proben mit dem schwachen Text. Das Textbuch sei mehrmals in die Ecke geflogen, gesteht sie. Umso mehr freut es sie, dass das Stück beim Publikum so gut ankommt: „Die Zuschauer stehen oft da und klatschen.“

„Ich versuche immer, eine Rollenfigur so reich wie möglich zu machen“, sagt Oda Pretzschner. Das sei das Spannende am Schauspielerberuf, dass „wir das so herauskitzeln können.“ Sie sei immer sehr, sehr neugierig auf die Lebensmodelle anderer Menschen. Interessant findet sie an ihrer Figur zum Beispiel, dass Mechthild von Arnstein selbst eine Bettgefährtin für ihren Mann sucht, als sie wegen ihrer Schwangerschaft das Lager nicht mehr mit ihm teilen kann. „Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die jenseits moralischer Schranken Versuche unternehmen, ihre Beziehung lebendig und für beide Beteiligte zufriedenstellend zu gestalten“, meint die Schauspielerin, die jedoch nicht weiß, ob sie sich das für sich auch vorstellen könnte.

In ihrem eigenen Leben meistert Oda Pretzschner immer wieder den Spagat zwischen dem Beruf als freischaffende Schauspielerin, und ihrer Aufgabe als Mutter eines zehnjährigen Sohnes. Auch ihr Lebensgefährte arbeite freischaffend am Theater, allerdings als Bühnenbilder, erzählt sie. Er bekomme seine Aufträge längerfristig, so dass sie mit ihren Rollen immer so dazwischen schlupfe. Das klappe meistens ganz gut. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass sie sich nur kurz am Bahnhof getroffen hätten, um das Kind zu übergeben, als der eine kam und der andere aufbrach.

Ein Kind zu haben empfindet Oda Pretzschner nicht nur als großes Glück, sondern auch als wichtige Erdung. „Das ist ein gesunder Ausgleich“, meint sie und helfe, die eigene Arbeit in der richtigen Dimension zu sehen. Doch ohne Arbeit geht es für sie auch nicht. „Ich bin zuhause viel erträglicher, wenn ich arbeite. Ich brauche die Balance.“ An ihrem Beruf schätzt sie auch die Arbeit im Team, wenn man miteinander auf die Reise geht.

Ihren Lebensmittelpunkt hat Oda Pretzschner in Dresden. Dort ist sie auch aufgewachsen und als Kind mit ihren Eltern viel ins Theater gegangen. „Das hat mich fasziniert, ich wusste schon früh, dass ich Schauspielerin werden wollte“, sagt sie. Am Staatsschauspiel in Dresden hat sie auch Holk Freytag kennengelernt. Dort und am Sozietätstheater spielt sie zurzeit in mehreren Stücken mit. Gerade hat sie die Proben beendet für ein Projekt mit einem befreundeten Kollegen vom Staatsschauspiel. Zur Person, Grebe-keller

Von Christine Zacharias

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