Montagsinterview mit dem scheidenden Chef der Wirtschaftsförderung Erhard Berleth

Mit der Region im Herzen

Wirtschaft ist Leidenschaft: Erhard Berleth (links) hat sich nach dem Interview mit unserer Zeitung interessiert über die Arbeit der benachbarten Firma Hoehl-Druck informiert. Andreas Teichröb (rechts) erklärte ihm, wie ein Druckvorgang überwacht wird. Foto: Struthoff

Hersfeld-Rotenburg. Nach 15 Jahren hat Erhard Berleth seinen Job als Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Hersfeld-Rotenburg aufgegeben. Er arbeitet künftig im Auftrag der Firma Harder & Partner aus Hockenheim und berät bundesweit Unternehmen bei der Entwicklung von neuen Unternehmensstandorten.

Herr Berleth, wenn man mit 50 Jahren eine gesicherte Führungsposition kündigt, um etwas Neues zu beginnen, ist man entweder abenteuerlustig oder ziemlich unzufrieden. Was war bei Ihnen der Grund?

Erhard Berleth: Nach 15 Jahren bei der Wirtschaftsförderung habe ich inne gehalten, rekapituliert, abgewogen – und dann entschieden, mich nochmal einer neuen, beruflichen Herausforderung zu stellen.

Das klingt sehr diplomatisch. Es gab in der Vergangenheit auch Kritik an der Arbeit der Wirtschaftsförderung. Auch Ihr Verhältnis zum Landrat soll nicht ungetrübt gewesen sein?

Berleth: Menschliche Beziehungen haben dabei keine Rolle gespielt. Aber ich habe erkannt, dass sich Rahmenbedingungen und inhaltliche Ausrichtungen mit der Zeit verändert haben. Manches stimmte da nicht mehr mit meinen eigenen Zielen und Überzeugungen überein. Mir ging es immer um die Schaffung und Sicherung von dauerhaft auskömmlichen Arbeitsplätzen. Aber in Zeiten klammer Kassen werden die freiwilligen Aufgaben immer mehr auf den Prüfstand gestellt – dazu gehört eben auch die Wirtschaftsförderung.

Neben Geld geht es aber immer auch um die Personen, mit denen man zusammenarbeitet?

Berleth: Ich habe immer darauf Wert gelegt, mit allen gut zusammen zu arbeiten. Das Ziel war entscheidend. Neue Bürgermeister stellen aber auch neue Anforderungen und viele Dinge in Frage. Obwohl ich mit den meisten Bürgermeistern in der Region sehr gut und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, war dann mit anderen die Verständigung leider nicht mehr so, wie es eine gedeihliche Kommunikation voraussetzt oder wie sie vorher stattfand.

Damit meinen Sie wohl Bad Hersfelds Bürgermeister Fehling, der Ihnen zu wenig Engagement und fehlende Erfolge vorgeworfen hat?

Berleth: Die Erfolge der Wirtschaftsförderung sind nun einmal nicht so einfach messbar. Wir arbeiten nachhaltig, eher mittel- bis langfristig und das meist im Hintergrund. Die Arbeit ist sensibel und von großer Vertraulichkeit. Das wüssten die Kritiker auch, wenn sie selbst kontinuierlichernKontakt zu den Unternehmen halten würden.

Zurzeit steht Amazon, aber damit auch die ganze Logistikbranche in der Kritik. Sie waren an diesen Ansiedlungen beteiligt. War es womöglich ein Fehler, so stark auf diese Branche zu setzen?

Berleth: Nein, es war unsere einzige Chance. Als ich hier vor 15 Jahren anfing, hatten wir zweistellige Arbeitslosenzahlen. Es war einzig und allein die Logistik, die hier in großer Anzahl neue Stellen geschaffen hat. Natürlich darf man die Unternehmen deshalb nicht aus ihrer sozialen Verantwortung entlassen. Aber neben dem Kali-Bergbau und einem gesunden Mittelstand sichert die Logistik bei uns langfristig die wirtschaftliche Entwicklung. Ich bin zum Beispiel froh, dass wir DHL in Mecklar/Meckbach und Hermes in Friedewald ansiedeln konnten und damit auf dem ehemaligen Bundesgrenzschutzgelände Platz für Amazon hatten.

Andere Gewerbegebiete, etwa in Mecklar, stehen leer. In Rotenburg bereitet die Konversion des Bundeswehrgeländes Schwierigkeiten. Sind die Ansiedlungspotenziale in unserer Region ausgeschöpft?

Berleth: Sicher werden hier in Zukunft so leicht keine so großen Ansiedlungen wie in der Vergangenheit mehr möglich sein. Deshalb müssen wir uns auch an kleineren Erfolgen freuen. Die Autobahn-affinen Gewerbeflächen im Kreis sind weitgehend belegt. Für Logistiker gibt es kaum mehr attraktive Gebiete. Für das produzierende Gewerbe aber sind die Ansiedlungsanreize, zum Beispiel in Thüringen, oft deutlich höher. Dabei sind diese unterschiedlichen Fördersätze inzwischen nicht mehr zeitgemäß. Ich kann deshalb verstehen, dass Heringens Bürgermeister Hans Ries den Verlust des Kali-Forschungsinstituts so scharf kritisiert. Für Rotenburg bedarf es der Entwicklung schlüssiger Konzepte.

In Ihrer neuen Position bleiben Sie ja der Region wohnen. Sind Sie künftig unser Konkurrent oder unser Partner?

Berleth: Kein Konkurrent, im Gegenteil: Wenn ein Unternehmen sich im Landkreis ansiedeln will, werden wir versuchen, die entsprechenden Weichen stellen. Außerdem ist mein neuer Arbeitgeber hier selbst mit Immobilien vertreten. Unsere Region liegt mir am Herzen.

Von Kai A. Struthoff

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