Vortrag von Dr. Michael Winterhoff über Defizite der Ausbildungsreife in der Stadthalle

Realität auf den Punkt bringen

Dr. Michael Winterhoff weist einen Ausweg aus dem Dilemma. Seine Thesen sind in Fachkreisen allerdings nicht unumstritten.

Bad Hersfeld. „Der Anlass, hier zu stehen, ist meine Sorge“, erklärt Dr. Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Autor aus Bonn, der der Einladung des Projekts RegioPLUS gefolgt ist.

Er befasst sich vorrangig mit psychischen Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter aus tiefenpsychologischer Sicht und vertritt dabei vor allem drei Thesen: Das Kind wird als kleiner Erwachsener behandelt (Kind als Partner); der Erwachsene entwickelt das Bedürfnis, vom Kind geliebt zu werden (Projektion); das Kind wird im Rahmen einer psychischen Verschmelzung ein Teil des Erwachsenen (Symbiose). Dadurch kommt es zu einer Machtumkehr, die dem Kind die Chance auf eine gesunde Entwicklung verbaut.

Reifedefizite

In seinem dritten Buch „Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen“ analysiert Winterhoff, wie sich die psychischen Reifedefizite Heranwachsender in Ausbildung und Beruf auswirken.

Das Interesse an seinem Vortrag im Vorfeld der Ausbildungsmesse an diesem Wochenende war riesig. Viele Fachleute waren anwesend, die „mehrere Passagen ertragen mussten“. Winterhoff sieht eine ganze Generation mit tief greifenden Persönlichkeitsstörungen heranwachsen: unreif, egozentrisch, asozial, unbeschulbar, ausbildungs- und berufsunfähig. In eine grobe Skala der Reifeentwicklung bis zum 16. Lebensjahr bindet Winterhoff die eigenen genauen Beobachtungen seiner jungen Patienten ein, die sich in den vergangenen 15 Jahren im Verhalten eklatant verändert haben. Es sind nicht vornehmlich die Kinder aus prekären Verhältnissen, sondern es ist in der Mehrzahl der Nachwuchs der sicher geglaubten Mittelschicht, der immer mehr Probleme verursacht.

„Wir sind alle in dieser Gesellschaft psychisch überfordert“, begründet der Autor die Veränderung auch der Eltern. „Selbst die Großeltern sind schwierig geworden. Die Oma, die geliebt werden will, kann nicht mehr erziehen“. Winterhoff zeigt mit großer Kompetenz und Klarheit genau die Probleme auf, die nicht nur Familien, sondern die ganze Gesellschaft betreffen.

Bestätigt sieht sich Winterhoff auch durch den „Berufsbildungsbericht 2010“ der Bundesregierung – erschreckende 47,3 Prozent aller Schulabgänger werden hier als „nicht ausbildungsreif“ beschrieben. Psychische Unreife ist nach seinen Erkenntnissen behandlungswürdig und eindeutig erfolgreich therapierbar.

Allerdings müssen die Nachreifungsprozesse fester Bestandteil bei schulischen Konzepten werden. Parallel dazu muss an den Ursachen, die in der Familie, im Kindergarten, in der Vorschulerziehung und schon in der Grundschule zu finden sind, gearbeitet werden.

Diskussionsrunde

Ein Hoffnungsschimmer zum Schluss. Nicht alle Heranwachsenden treten „blöd, lahm und behindert“ auf, es gibt nach wie vor gesunde Kinder. Mit Einschränkung: „Es werden immer weniger“. Dem über einstündigen Vortrag von Dr. Michael Winterhoff schloss sich eine Diskussionsrunde an, die von Markus Pfromm, Geschäftsführer der Hersfelder Zeitung, moderiert wurde. (gs)

Kommentare