Verständnis und Kritik für die Entscheidung von Bad Hersfelds Bürgermeister

Reaktionen auf die Entlassung von Festpiel-Intendant Holk Freytag

Die Einen verstehen die Entscheidung, Festpiel-Intendant Holk Freytag fristlos zu entlassen, die Anderen kritisieren das Verhalten des Bürgermeisters. Lesen hier die ersten Reaktionen:

Pröpstin Sabine Kropf-Brandau: Mit großer Bestürzung habe ich von der fristlosen Kündigung unseres Intendanten Holk Freytag gehört. Ich distanziere mich deutlich von so einem unpassenden und fragwürdigen Verhalten. Ohne mich in die wirtschaftlichen, finanziellen und künstlerischen Belange einmischen zu wollen, erwarte ich von dem Stadtoberhaupt und dem Magistrat, dass Konflikte durch Gespräche gelöst werden und nicht durch eine, auch noch zu einem absolut unpassenden Zeitpunkt, ausgesprochene fristlose Kündigung. Bei meinen zahlreichen Begegnungen mit Menschen in Hessen und Thüringen erlebe ich zunehmend, dass das hochangesehene Image unserer Stadt durch das oft unverständliche Verhalten von Bürgermeister Fehling leidet. Nun wird es weiter nachhaltig beschädigt. Das ist beschämend.“

Vize-Landrätin Elke Künholz: Mit großer Sorge sehe ich die Turbulenzen um die Festspiele, die als Aushängeschild der Region im kulturellen und touristischen Bereich keinen weiteren Schaden nehmen dürfen. In der Sache kann man trefflich streiten - dies aber auf den offenen Medienmarkt auszutragen schadet dem Ansehen der Festspiele und dem Ansehen der gesamten Region. Es ist mehr als unglücklich, in welcher Weise dieser Machtkampf geführt wurde. Sicher ist: Alles wird anders. Offen ist: Wird es auch besser? Ebenfalls sicher ist: Der Schaden ist angerichtet. Zu hoffen ist: Es muss schnellstens wieder ein Fest der Spiele werden.

Timo Lübeck, CDU-Kreisvorsitzender: Die Entlassung von Freytag war überfällig, um den andauernden Streit zu Lasten der Festspiele endlich beizulegen. Holk Freytag hat in den vergangenen Jahren immer wieder künstlerische Freiheit mit finanzieller Freiheit verwechselt. Der nächste Intendant darf kein Parteimeier sein und darf nicht gegen die städtischen Gremien und den Bürgermeister arbeiten!

Thomas Handke, SPD-Stadtverordneter und Vorsitzender des Kulturausschusses:  „Die Kündigung des Intendanten Holk Freytag durch einen Mehrheitsbeschluss des Magistrats ist ein Schlag ins Gesicht für die Bad Hersfelder Festspiele. Holk Freytag hat seit fünf Jahren ein künstlerisch hohes Niveau den Bad Hersfelder Festspielgästen bieten können. Bundesweit haben in den letzten Jahren die Festspielinszenierungen gute Kritiken bekommen. Jetzt in der laufenden Saison und mit den ersten Vorplanungen für 2015 den Intendanten zu kündigen, ist eine glatte Fehlentscheidung. Ich gehe davon aus, dass diese Entscheidung ohne die Zustimmung der Magistratsmitglieder der SPD und Grüne zu Stande kam. Bürgermeister Fehling trägt daher die Verantwortung für die Kündigung Holk Freytags. Jetzt gehe es, darum den Fortbestand der Bad Hersfelder Festspiele zu sichern ohne die unsere Stadt eine kleine, unbedeutende Provinzstadt ist.

Bernd Böhle, FDP-Fraktionsvorsitzender: Die FDP steht vollumfänglich hinter der Entscheidung des Magistrats, den Vertrag mit Festspiel-Intendant Holk Freytag vorzeitig aufzulösen und sieht darin die Chance auf einen gemeinsamen, erfolgreichen Neuanfang für die Bad Hersfelder Festspiele. Die FDP-Fraktion ist sich einig, dass Holk Freytag während seiner Zeit als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele einige künstlerische Erfolge vorzuweisen hat, welche durch die hohe Qualität der aufgeführten Stücke eindrucksvoll belegt werden. Während er sich mit sehr viel Engagement um Kunst und Kultur verdient gemacht hat, so agierte Freytag jedoch auf menschlicher und finanzieller Ebene äußert ungenügend.

Vor gut einen Jahr löste Freytag einen öffentlichen Streit um die Finanzierung der Festspiele aus, da sein angeblich bereits abgeschlossener Spielplan für 2014 um 400000 Euro teurer war, als es der festgelegte Budgetrahmen seines Arbeitgebers zugelassen hatte. Nach monatelanger Diskussion wurde im Dezember 2013 ein parteiübergreifender Kompromiss im Ältestenrat beschlossen, wonach das Festspiel-Budget einmalig von 4,7 Millionen auf 5,1 Millionen Euro hinaufgesetzt worden ist, um die kommende Festspielsaison nicht zu gefährden. Trotz dieses Entgegenkommens, hielt sich Freytag nicht an die Absprachen und verschwieg weitere Kosten in Höhe von 140.000 Euro für Licht- und Tontechnik. Diese wurden erst einen Tag vor der Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses im April 2014 bekannt und mussten somit zwangsweise noch bewilligt werden, da der Probenbeginn schon vor der Tür stand.

Aufgrund zu hoch kalkulierter Zuschauerzahlen, vor denen die FDP bereits mehrfach gewarnt hatte, wird die laufende Festspielsaison wohl eine weitere Finanzierungslücke in Höhe von ca. 300000 Euro aufweisen, die überplanmäßig noch gedeckt werden muss. Auf der einen Seite werden Kindergartengebühren sowie Grund- und Gewerbesteuer erhöht und auf der anderen Seite werden solche Summen Jahr für Jahr durchgewinkt. Die Festspiele sind uns wichtig, aber auch hier gilt es die Balance zu halten. Elke Hesse hatte übrigens mit einem deutlich niedrigeren Budget von 2006 - 2009 ebenso erfolgreiche Festspiele leiten können.

Des Weiteren hielt sich Freytag nicht an den Beschluss der Stadtverordnetenversammlung einen Spielplan für 2015 rechtzeitig vor Beginn der diesjährigen Festspielsaison den städtischen Gremien vorzulegen, welcher sich an den Eckdaten des beschlossenen Haushaltssicherungskonzeptes orientiert. Es war damit zu rechnen, dass sein Konzept erneut die finanziellen Vorgaben der Stadtverordnetenversammlung missachtet und das gleiche Spiel, wie letztes Jahr, wieder von vorne beginnen würde. Auch die öffentliche Kritik am Marketing der diesjährigen Festspiele hat allein Herr Freytag zu verantworten, da dieser Bereich Bestandteil des Intendantenvertrages ist, der von ihm unterschrieben worden ist. Allein diese Fakten begründen die vorzeitige Auflösung des Intendantenvertrages im vollen Umfang. Dass der Intendant die Magistratsentscheidung bereits im Vorfeld an die Öffentlichkeit bringt, belegt noch einmal mehr, weshalb die Politik ihm nicht mehr vertrauen kann und will. Selten hat ein Intendant so deutlich um eine rote Karte gebettelt, wie Herr Freytag.

Ein Ende kann jedoch auch eine Chance für ein gemeinsamen, erfolgreichen Neuanfang sein!“, so das einhellige Fazit der FDP-Fraktion. Schließlich bietet die Vertragsauflösung nun die Möglichkeit, die Festspiele bereits jetzt und nicht erst im Jahr 2017 auf stabile Füße stellen zu können. Parteiübergreifend gilt es nun, ein neues Festspielkonzept mit einem professionellen Marketing zu entwickeln und die Einstellung eines neuen Intendanten sowie eines gleichberechtigten kaufmännischen Leiters vorzunehmen. So wie es vom Bürgermeister und der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine richtigerweise bereits gefordert worden ist.

Freifrau Donata von Schenck zu Schweinsberg, DRK-Vize-Präsidentin aus Oberaula: Was sich in Bad Hersfeld abspielt ist entsetzlich. Wir regen uns auf, weil es in der Welt keinen Frieden gibt und sehen, dass es noch nicht einmal in einer hessischen Stadt klappt. Hier geht es um Kultur, den Ruf der Stadt- für Außenstehende ist das nicht verständlich.

Staatsminister Michael Roth auf Facebook: Politisch unklug. Kulturell desaströs. Menschlich unanständig.

Gunter Grimm, CDU-Stadtverordnetenfraktion Bad Hersfeld: Bei der Bewertung der Entlassung des Intendanten Holk Freytag kommt man nicht umhin, sich die Faktenlage genau anzuschauen; zunächst das reine Zahlenwerk:

• der Rekordbudgetrahmen für die Festspiele 2014 in Höhe von 4,7 Millionen Euro wurde im Dezember 2013 um weitere 400000 Euro aufgestockt, nachdem Herr Freytag erklärt hatte mit dem festgelegten Budgetrahmen nicht auszukommen;

• kurz vor Saisonbeginn 2014 mussten weitere 140000 Euro für Licht- und Tontechnik, die vom Intendanten nicht berücksichtigt worden waren, angerwiesen werden;

• das Budget der aktuellen Festspielsaison beträgt 5,1 Millionen Euro, das höchste in der Geschichte er Festspiele;

• aktuell weisen die Festspiele, trotz der 5,16 Millionen Euro, 300000 Euro Defizit aus;

• die Einsparvorgabe in Höhe von 400000 Euro für 2015, ein einstimmiger Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, wird von Herrn Freytag nicht erfüllt, ca. 175000 Euro will er über höhere Eintrittspreise decken, für 225000 Euro hat er keinen Deckungsvorschlag

• für die Festspielsaison 2015 besteht schon jetzt eine Deckungslücke von 700000 Euro

Zur künstlerischen Qualität:

• ein Qualitätsunterschied zur Intendantenzeit von Volker Lechtenbrink, Dr. Peter Lotschak oder Elke Hesse, was insbesondere beim Vergleich der Kommentare und Kritiken sehr anschaulich ist, ist nicht feststellbar;

• die Qualität lässt sich unter anderem auch an den Besucherzahlen messen; die prozentuale Auslastung seit 2010 spricht für sich: 2010 besuchten statt der kalkulierten 93000 Zuschauer nur 68000 die Festspiele, ein Rekorddefizit war die Folge. 2011 haben 95 500 Zuschauer die Veranstaltungen der Festspiele besucht; das Festspieljahr 2012 konnte auf 91300 Zuschauer 79 Prozent verweisen. 2013 besuchten 88600 Zuschauer, 2014 kommen wir auf annähernd die gleichen Zahlen. Mit Ausnahme des Jahres 2011 verzeichnen die Bad Hersfelder Festspiele unter Leitung von Herrn Freytag betreffend Auslastung eine Negativentwicklung - und dies bei besten (finanziellen) Rahmenbedingungen.

Herr Freytag hat sich wiederholt nicht an vereinbarte Rahmenbedingungen gehalten, Vertragsvorgaben missachtet, dieses Jahr wieder ein Defizit erwirtschaftet; für 2015 steht schon jetzt fast eine dreiviertel Million EUR Deckungslücke im Raum. Die Stadtverordneten haben ein Haushaltskonsolidierungsprogramm beschlossen; die Kommunalaufsicht hat hierfür deutliche Auflagen gemacht. Aus Sicht der CDU ist es unverantwortlich auf der einen Seite jeden Bürger über die Erhöhung von Kindergartengebühren, der Grundsteuer, der Gewerbesteuer und einer Reduzierung der Vereineförderung dafür zur Kasse zu bitten und Herrn Freytag auf der anderen Seite ungehindert Geld ausgeben zu lassen! Ein Intendant (möglichst ohne Parteibuch), der sich an Verträge, Vorgaben und Rahmenbedingungen hält, ist jetzt gefragt. Im Zuge der aktuellen Intendantendiskussion wäre auch mal interessant zu erfahren, wie vertrauliche Magistratsunterlagen vor besagter Sitzung zum Intendanten und zu einer Zeitung gelangen und mit welcher Legitimation sich Dr. Göbel am 28.7.14 gegenüber der dpa zum Thema geäußert hat. Vielleicht hat ja die SPD eine Antwort darauf.

SPD-Stadtverband Bad Hersfeld:  Als einen unglaublichen Vorgang in der Geschichte der Bad Hersfelder Festspiele sieht der SPD -Stadtverband die Entlassung des erfolgreichen Intendanten Holk Freytag in der noch laufenden Saison. Die Kündigung des Intendanten und diese zur Unzeit getroffene Fehlentscheidung treffen die Zukunft der Festspiele und die Entwicklung der Festspielstadt als Ganzes. Nicht nachvollziehbar ist für die SPD die Mehrheitsentscheidung im Magistrat, die acht Tage vor Beendigung der Festspiele einen Eklat provoziert, der dem hervorragenden Image der Festspiele nachhaltigen Schaden zufügt. Es ist Holk Freytags Verdienst, eine tadellose und von allen Seiten gelobte Festspielsaison mit vielen Highlights zum Erfolg geführt zu haben. Hierzu gehört insbesondere der Besuch der Bundespräsidenten aus Deutschland und Österreich. Damit konnte wieder Interesse geweckt werden, den Bundespräsidenten als Schirmherrn zu gewinnen. Während viele andere sich um das Renommee der Festspiele bemühen, Botschafter und internationale Gäste in die Festspielstadt führen, muss man sich schon fragen, was hat Bürgermeister Fehling eigentlich getan, um das Renommee der Festspiele zu stärken? Die Hersfelder Bevölkerung erlebt nicht erst seit dieser Saison ein ständiges Störfeuer aus dem Rathaus, so dass es schon bewundernswert und Holk Freytag und dem Ensemble zu verdanken ist, dass trotz aller Anfeindungen eine hervorragende Festspielsaison erlebt werden konnte. Um so unverständlicher für den Rauswurf klingt die Begründung, der Wirtschaftsplans 2015 werde nicht eingehalten, obwohl - wie zu erfahren war - eine neue Planung vorgelegt wurde, die den finanziellen Vorgaben entspricht. Nun muss die Verwaltung damit rechnen, dass doppelte Kosten auf die Stadt zukommen, da der laufende Vertrag bis 2016 ausgehandelt ist und bereits weitere Verpflichtungen für die nächste Saison eingegangen wurden. Die SPD ist sich daher sicher, dass es sich bei dieser politisch äußerst unklugen Entscheidung ausschließlich um persönlich motivierte Gründe des Bürgermeisters handelt, die der Stadt immensen Schaden zufügen.

Monika Schmidt für die Grünen im Stadtparlament:  Wir erleben seit vielen Monaten, wie mit fadenscheinigen Argumenten systematisch versucht wird, den Intendanten zu demontieren. Die "Öffentlichkeitsarbeit" für die Festspiele findet in Form von Störfeuer statt. Im Fadenkreuz der Kritik an der Kündigung des Intendanten steht der Bürgermeister. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Hinter ihm steht die (neue) Mehrheit des Parlaments und des Magistrats aus CDU, FDP, NBL und Fraktionsgemeinschaft, die diese wahnwitzige Entscheidung getroffen hat. Dieser Vorgang ist in der Geschichte der Stadt einmalig, an die Gewinnung von Sponsoren ist wohl kaum zu denken. Der Bundespräsident wird für dieses Schmierentheater sicher keine Schirmherrschaft übernehmen.

Verloren hat die Kultur dieser Stadt, die Kultur eines hochwertigen, aber sehr sensiblen Theaters, das mit Umsicht und Achtsamkeit gehegt und gepflegt werden müsste. Aber verloren hat auch die Kultur des menschlichen Umgangs. Die fristlose Kündigung vor dem Ende der Spielzeit erfolgt nicht nur zur Unzeit, sondern hat einen üblen Beigeschmack. Wann wurde mit dem Intendanten ein Gespräch geführt? Wo ist der "wichtige Grund", der eine fristlose Kündigung rechtfertigt? Wo ist die gebotene Fürsorge gegenüber einem Mitarbeiter der Stadt? Was ist das für ein Umgang mit einem Mitarbeiter, der vom Tatbestand der Kündigung durch die Presse erfahren muss und dem bis heute (zwei Tage danach) noch keine schriftliche Kündigung vorliegt?

Und ging es wirklich um Geld? Merkwürdig, dass es für andere Projekte (s. Lullussportpark) offenbar vorhanden war. Welche Gründe stecken also wirklich dahinter?

Der beträchtliche Imageschaden, der jetzt bereits eingetreten ist, fällt auf diejenigen zurück, die diese Entscheidung getroffen haben, von den möglichen finanziellen Konsequenzen ganz abgesehen.

Für Bad Hersfeld ist das jedenfalls ein Desaster.

(red/kai)

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