Zuhälter-Pärchen wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung verurteilt

Raue Sitten im Bordell

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Bad Hersfeld. Bordellbetriebe vermitteln nach außen hin die Illusion von Erotik und Zärtlichkeit. Doch hinter den Kulissen des Geschäfts mit dem Geschlechtsverkehr geht es mitunter alles andere als sanft zu – wie ein Vorfall vom Juni vergangenen Jahres aus dem Kirchheimer „Schneckenhaus“ zeigt, über den jetzt vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld verhandelt wurde.

Angeklagt war das damalige Zuhälterpärchen, sie 35 und er 34 Jahre alt. Die Vorwürfe von Staatsanwalt Dr. Heiko Heppe wogen schwer: gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung in zwei Fällen, davon einmal in Tateinheit mit Nötigung.

Am 30. Juni kurz nach Mitternacht sollen die beiden einer 53-jährigen Prostituierten den unterstellt haben, sie werbe Freier ab, um sie privat zu bedienen. Der Streit wurde demnach gewalttätig, wobei die reife Dame Schläge und Tritte bezog, an den Haaren gezogen, mit einer Kunstoffkette gewürgt und mit einer brennenden Zigarette traktiert wurde.

Als die Misshandelte drohte, sie werde zur Polizei gehen, hielt ihr der Bordellchef angeblich einen Revolver an die linke Schläfe und drohte, ihren Sohn umzubringen. Als die 53-Jährige, deren Kopf noch mehrfach gegen die Wand geschlagen wurde, schließlich einlenkte, ließen die Angeklagten von ihr ab.

Die im Fränkischen lebende Prostituierte, die von Beruf eigentlich Sportlehrerin ist, steuerte auf der Heimfahrt einen Autobahnparkplatz bei Niederaula an und begab sich nach erfolgtem Notruf in die Obhut der Polizei.

Nicht ganz so schlimm

Die Beamten erlebten bei den anschließenden Vernehmungen ein derangiertes, mit Blut beflecktes und offensichtlich verletztes Opfer. Wie sich allerdings bei den folgenden ärztlichen Untersuchungen herausstellte, waren die sichtbaren Spuren der Misshandlungen nicht ganz so schlimm, wie man bei den Schilderungen der Geschädigten annehmen musste. Weder Würgemale noch Platzwunden wurden festgestellt.

Zwar wiederholte die Frau gestern vor dem Schöffengericht ihre Aussagen von damals und beschrieb eindrücklich ihre Angst, das „Schneckenhaus“ an jenem Abend nicht lebend verlassen zu können, doch kein einziger Zeuge bestätigte das Martyrium des Opfers.

Im Gegenteil: Eine Kollegin bezichtigte die 53-Jährige, am Tatabend ihre übliche hysterische Show abgezogen zu haben. Die nur gelegentlich in Kirchheim arbeitende Fränkin habe sich für etwas Besseres gehalten als die anderen Liebesdamen, mit ihrer Oberweite geprotzt und habe herumgebrüllt. Daraufhin sei sie vom Betreiber-Pärchen aufgefordert worden, das Haus zu verlassen. Dabei sei es nun zu Handgreiflichkeiten gekommen, in deren Verlauf die Prostituierte mit einer Porzellanstatue zuschlagen wollte. Die Chefin habe diesen Angriff verhindert, woraufhin die Statue auf die dabei gestürzte Fränkin gefallen und zerschellt sei – deshalb die blutige Nase.

Anwesende Gäste hatten davon nichts bis wenig mitbekommen, so dass das Gericht unter Vorsitz von Richter Michael Krusche nach gut vierstündiger Beweisaufnahme lediglich feststellen konnte, dass „etwas gewesen ist“ und dass die Liebesdame misshandelt wurde – wenn auch nicht so arg wie angeklagt.

Wegen gemeinschaftlicher vorsätzlicher Körperverletzung wurden beide, die derzeit ohne Einkommen sind, zu je 90 Tagessätzen zu zehn Euro verurteilt. Ihrem früheren Gewerbe haben die Angeklagten übrigens abgeschworen: Sie schult zur Kosmetikerin um, er versucht sich mit dem Aufbau einer Hundezucht.

Von Karl Schönholtz

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