Bad Hersfelder Festspiele 2011: Probenbesuch bei „Sunset Boulevard“

Rasmus’ tolle Sonnenbrille

Entspannte Spannung: Der Ton ist locker, die Konzentration jedoch spürbar, wenn Regisseur Gil Mehmert (Bildmitte) in der Bad Hersfelder Stadthalle für das Festspiel-Musical „Sunset Boulevard“ probt. Links im Bild Regieassistent Erik Petersen, vorne sitzend der Darsteller des Joe Gillis, Rasmus Borkowski. Fotos: Schönholtz

Bad Hersfeld. Die Sache mit der Sonnenbrille ist nur ein Detail. Eine Geste, die den Liedtext unterstreichen soll, wenn Rasmus Borkowski im Titelsong „Sunset Boulevard“ seine Rolle als ausgehaltener Liebhaber der alternden Stummfilm-Diva Norma Desmond beschreibt.

Gil Mehmert, der Regisseur des neuen Musicals der Bad Hersfelder Festspiele, denkt laut. „Seht her, was ich für eine teure Brille habe, alle wollen Gold, ich hab’s schon,“ sagt er, hält sich die eigene Brille vor die Nase und mimt selbstgefällige Bewunderung. Genau das soll die kleine Geste den Zuschauern vermitteln, wenn „Sunset Boulevard“ erst einmal auf der Bühne der Stiftsruine gezeigt wird.

Doch noch probt das Musical-Team vornehmlich in der Stadthalle, weil es sich die Ruine mit den anderen Festspiel-Produktionen teilen muss. Deshalb wurde auch im nüchternen Ambiente des großen Saals eine schräge Bühne installiert und ein Doppel der großen Showtreppe aufgebaut.

Die steigt Rasmus Borkowski, der bei dieser Probe die ungeteilte Aufmerksamkeit des Spielleiters genießt, nun ein weiteres Mal hin-auf und geht ein weiteres Mal in Position für „Sunset Boulevard“.

Christoph Wohlleben, musikalischer Leiter des Musicals, stimmt auf dem Klavier erneut das Vorspiel an und Borkowski beginnt zu singen: „Klar, mein Ziel hier war die Glitzerwelt, der eig’ne Pool, das große Geld...“ Am Fuße der Treppe angekommen pflanzt er sich auf eine Sonnenliege, nimmt seine goldene Brille ab und macht genau das, was sich Gil Mehmert vorgestellt hat.

Wie Borkowski das zunächst um die Schultern geschlungene Handtuch auf einer Liege drapiert, wie er sich ein Glas Schampus einschenkt und wie sich diese Szene musikalisch an die vorhergehende anschließt, auch das besprechen und entscheiden der Regisseur und sein Team bei dieser Probe.

Die Stimmung ist unaufgeregt, der Ton umgänglich. Gil Mehmert sitzt mit lässig ausgestreckten Beinen und hinter dem Kopf verschränkten Armen auf seinem Platz. Doch in der Halle ist auch die Spannung der Konzentration spürbar. Und so macht Rasmus Borkowski gleich seinem Ärger Luft, wenn er mal einen Einsatz verpasst oder einen Hänger im Text hat. Kurzes Sammeln, wieder konzentrieren, die Musik beginnt von Neuem, und weiter geht’s.

Annäherung ans Ganze

Eine gute halbe Stunde lang arbeiten Mehmert, Borkowski, Wohlleben & Co. alleine an den Details dieses Auftritts, um sich dadurch wieder ein Stückchen dem großen Ganzen anzunähern. Anschließend nutzen der Sänger und der Musik-Chef eine Pause, um einzelnen Passagen des Liedes den Feinschliff zu geben.

Nach und nach treffen weitere Darsteller in der Stadthalle ein. Eine neue Szene wird geprobt. Nicht die letzte an diesem Probentag.

Von Karl Schönholtz

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