Trunkenheitsfahrt eines Heringers mit Merkwürdigkeiten – 1200 Euro Geldstrafe

Rasch hinüber gekrabbelt

Bad Hersfeld. Für Staatsanwalt Harry Wilke war die Trunkenheitsfahrt eines 56-jährigen Heringers eine klare Angelegenheit. Für Verteidiger Harald Karsten dagegen Anlass für Spekulationen. Denn auch nach dem Urteil von Richter Michael Krusche, der den zuvor ergangenen Strafbefehl über 30 Tagessätze je 40 Euro bestätigte, blieben ein paar Fragen unbeantwortet.

Der Angeklagte war nach der traditionellen Neujahrsfeier seines Schützenvereins mit etwa 2,4 Promille Alkohol im Blut stark betrunken. Nicht weit vom Schützenhaus donnerte sein Klein-Pkw um 23.15 Uhr auf der Heimboldshäuser Straße in Wölfershausen auf schneebedeckter Fahrbahn gegen den Pfeiler einer Hofeinfahrt.

Der sofort herbeieilende Hauseigentümer fand den vermeintlich bewusstlosen und aus einer Kopfwunde blutenden Heringer auf dem Beifahrersitz. Beim Eintreffen der Rettungskräfte konnte der 56-Jährige seinen Wagen jedoch aus eigener Kraft verlassen, auch seine Verletzung war halb so schlimm.

Entscheidend für die Verurteilung des Angeklagten war die Aussage einer Schützenschwester, die ihn nach der Feier hatte ins Auto steigen und – ohne sich anzuschnallen – „zügig“ losfahren sehen. Vorausgegangene Versuche, ihn vom Fahren abzuhalten wie auch ein Anruf bei der Ehefrau, ihren alkoholisierten Gatten abzuholen, hatten nicht gefruchtet.

Es lag also die Vermutung nahe, dass der Heringer nach dem Anprall rasch noch auf die Beifahrerseite gekrabbelt war, zumal der erste Zeuge am Unfallort keine Fußspuren im Schnee gesehen hatte, die auf einen anderen Fahrer als den Angeklagten hätten hindeuten können.

Der Heringer selbst erinnert sich angeblich nicht mehr an den Unfall. So blieb es seinem Verteidiger vorbehalten, Zweifel zu säen. Rissspuren am angeblich nicht benutzten Gurt, Blut auf dem Beifahrer-Airbag – nicht jedoch auf der Fahrerseite – und die Einschätzung, dass der Heringer nach Lage der Dinge eher nach links als auf die Beifahreseite hätte geschleudert werden müssen, waren die Merkwürdigkeiten, die Anwalt Karsten aufführte.

Als er dann jedoch spekulierte, ob möglicherweise nicht besagte Schützenschwester am Steuer gesessen haben könnte, handelte er sich eine Missbilligung von Richter Krusche ein. Schließlich habe die Zeugin noch versucht, den Betrunkenen vom Fahren abzuhalten.

Von Karl Schönholtz

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